Wer nach dem Training zum ersten Mal alleine vor einem Klienten sitzt, merkt sehr schnell, dass das eine andere Hausnummer ist. Die Ausbilder fehlen. Die neuen Kollegen, die mit dir im Training waren, sind in alle Winde zerstreut. Der doppelte Boden aus zwei Wochen kollektiven Raumhaltens ist weg. Übrig bleibt die Frage: Was mache ich jetzt eigentlich?
Zertifiziert, aber am Anfang
Wenn du am Ende des IAKP-Trainings eine Urkunde überreicht bekommst, bedeutet das, dass du zwei Wochen harte Arbeit abgeliefert hast. In dieser Zeit hast du deine Trainer überzeugt, dass der Kambo-Stick bei dir in guten Händen ist. Die Urkunde markiert den Anfang eines langen Erfahrungsweges. Wir drücken sie Menschen in die Hand, die der Dunning-Kruger-Effekt nicht erwischt hat – weil ihr Wissen groß genug ist, um seine eigenen Lücken zu sehen. Und diese Lücken sind noch riesig… Aber das weißt du dann ja.
Im Training arbeitest du in einem geschützten Raum: Ausbilder fangen auf, andere Trainees sind da, schwierige Situationen werden gemeinsam verdaut. Draußen in deiner eigenen Praxis bist du plötzlich die Person, die entscheidet. Genau deshalb solltest du aber auch klein anfangen: Einzelzeremonien, Menschen, von denen du sicher genug einschätzen kannst, dass sie keine gesundheitlichen Überraschungen mitbringen, Freunde, die dich nicht schief ansehen, wenn dir vielleicht vor Aufregung die Hand zittert.
Einen kleinen Einblick, wie diese Übergangsphase für andere ausgesehen hat, gibt das Interview mit Joe Mattia im Psychedelic Times: Healing with the Frog. Darin beschreibt er das IAKP-Training und wie sich die eigene Beziehung zur Medizin danach weiterentwickelt hat: „Since graduating and returning home, I’ve gone very slowly, and moved with the spirit of the frog“, schreibt er darin. Dieses „langsam“ und seine Ausprägungen schauen wir uns gemeinsam an.
Langsam aber sicher
Langsam anfangen bedeutet in der Praxis: wenige Klienten, längere Pausen zwischen den Zeremonien, genügend Zeit für Nachbereitung. Nach jeder Sitzung eine stille Stunde, in der man überlegt, was gut gelaufen ist, was man anders machen würde, was einen noch beschäftigt. Wer die Reflexion überspringt, wiederholt kleine Fehler öfter als notwendig. Wer Dinge oft genug wiederholt, gewöhnt sie sich an.
Dein System braucht außerdem eine Weile, bis es sich an dieses Level von Konzentration und Präsenz gewöhnt hat. Während des Trainings fällt dir das nicht auf, weil du nicht in deiner vertrauten Umgebung bist. Du verbringst zwei Wochen lang in einem Schutzraum, in dem deine einzige Aufgabe besteht, dich aufs Training zu konzentrieren. Im Abgleich mit deiner normalen Umgebung fällt die Erschöpfung danach erst auf.
Takeaway: Überleg dir gut, wann du bereit bist, zwei oder drei Zeremonien auf einen Tag zu legen. Bei mir hat es einst einige Wochen gedauert, bis das ging.
Klienten finden und informieren
Gute Frage: Wie kommt jemand überhaupt zu dir? Am Anfang fast immer über Mund-zu-Mund-Empfehlung. Damit setzt sich deine Klientel aus Freunden, Bekannten, Menschen aus dem eigenen Netz zusammen, die wissen, was du machst, und die es weitersagen. Das mag zäh sein und fühlt sich zunächst nach wenig an, nimmt dir aber viel Arbeit ab. Diese Klienten kommen nämlich gut vorbereitet an und die Erwartungen auf beiden Seiten sind realistisch. Du hast in der Regel auch schon eine Grundahnung, wie es ihnen geht und mit welchen gesundheitlichen Herausforderungen sie sich plagen.
In allen anderen Fällen brauchst du einen Weg, um an diese Informationen heranzukommen – am besten standardisiert und datenschutzkonform. Ich habe mein Anamnese-Formular auf Jotform geparkt und schicke jedem potenziellen neuen Klienten als erstes den Link zum Formular. Punkt.
Du möchtest nämlich gerne schon entschieden haben, ob die Person wirklich für Kambo geeignet ist, bevor sie in deinem Wohnzimmer sitzt. Ich musste einmal einen potenziellen Klienten wieder wegschicken, der den Fragebogen erst in der U-Bahn auf dem Hinweg ausgefüllt hat. Die Antworten kamen leider erst an, als er schon im 4. Stock vor der Tür stand. Kontraindiziert. Umsonst aufgebaut, umsonst viele Treppen Altbau gestiegen – aber trotzdem hat sich der Anamnese-Fragebogen gelohnt. Takeaway von meinem Fehler: Mach den Termin erst aus, wenn du weißt, dass du auch loslegen kannst.
Ein Raum für deine Eimer-Sammlung
Wo praktizierst du? Auch diese Frage stellt sich direkt nach dem Training und kennt keine Standard-Antwort. Ein paar Dinge gelten jedoch immer. Kambo braucht einen Raum, in dem jemand schreien und weinen darf – laut, ausgiebig und ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Das bedeutet: ausreichend Schallisolierung oder zumindest kein geteiltes Treppenhaus mit empfindlichen Nachbarn. Auch geeignete sanitäre Anlagen und eine schnell anspringende Heizung sind wichtige Kennzeichen von Kambo-Praxis-geeigneten Räumlichkeiten.
Mobile Praxis – also bei Klienten zuhause – ist gerade am Anfang ein gangbarer Weg. Du kannst loslegen, ohne deine Wohnung umzustellen, dafür verlierst du aber die Kontrolle über die Umgebung, in der du praktizierst. Vielleicht riecht es nach Hund oder Weichspüler, vielleicht ist in der Nachbarschaft eine Baustelle. Alles schon vorgekommen. Diese drei Beispiele hat mein Kopf spontan ausgespuckt, als ich im Gedächtnis nach meinen Erfahrungen gekramt habe.
Und: Was du vergessen hast einzupacken, ist erst mal nicht am Zielort vorhanden. Doof, falls es ausgerechnet der Kambo-Stick ist. Das kannst du eigentlich nur verhindern, wenn immer eine gepackte Kambo-Tasche in der Ecke steht. Disziplin ist also hier der Schlüssel. Takeaway:Mach dir eine gute Checkliste.
Kambo ist kein Geschäftsmodell
Es soll Practitioner geben, die kurz nach dem Training anfangen, ihre Termine nach Umsatz zu planen. Die Ausbildung kostet Geld, die Zeit kostet Geld, und irgendwann soll sich das rechnen. Die Logik dahinter hat eine gewisse Berechtigung. Trotzdem ist Kambo als primäre Einkommensquelle eine heiße Konstruktion.
Wer auf Einnahmen angewiesen ist, hat ein strukturelles Problem mit dem Wort Nein. Nein zu einem Klienten, der eigentlich nicht stabil genug ist. Nein zu einer Sitzung, obwohl man selbst nicht in Form ist. Nein zu einer weiteren Zeremonie, obwohl drei an diesem Tag genug waren. Diese Neins sind die wichtigsten Entscheidungen in der Kambo-Arbeit, und sie lassen sich deutlich leichter treffen, wenn man nicht gleichzeitig die Miete im Kopf hat.
Takeaway: Kambo lässt sich professionell betreiben. Aber eine Praxis, die finanziell ausschließlich von Kambo abhängt, ist auf Sand gebaut – zumindest am Anfang. Sonst sind die Neins die ersten Dinge, die wegfallen.
Was ist das Beste für Klienten?
Kambo kann in Menschen etwas verändern, manchmal spürbar und schnell. Das macht es für manche Klienten sehr verführerisch, regelmäßig wiederzukommen – öfter als gut für sie wäre. Es ist für Klienten außerdem nicht klar trennbar, was welchen Einfluss auf sie hat. Deine Präsenz gehört zum Gesamtkonzept Kambo-Zeremonie – auch wenn du die Bühne wie gelernt dem Frosch überlässt. Ein guter Practitioner erkennt Muster und spricht sie an.
Es ist auch nicht jede Herausforderung im Leben ein Kambo-Fall. Manchmal braucht jemand einen Therapeuten, einen Arzt, eine Pause von allen Substanzen oder schlicht mehr Zeit im Alltag, bevor die nächste Sitzung sinnvoll ist. Das auszusprechen, kostet jedes Mal einen Termin.
Als Anfänger sind viele Fälle schlicht zu komplex für dich und gehören in die Hände eines Kollegen mit mehr Erfahrung. In der Praxis triffst du auf Menschen, die jedes Schema sprengen: komplexe Krankengeschichten, Medikamentencocktails, widersprüchliche Selbstauskünfte, massive Erwartungen oder Projektionen.
Takeaway: Diese Situationen lassen sich theoretisch vorbereiten, aber souverän wirst du erst, wenn du sie mehrfach erlebt, reflektiert und verdaut hast. Das braucht Zeit. Was dazukommt: die Bereitschaft, eigene Fehler wahrzunehmen, statt so zu tun, als hättest du alles im Griff.
Deine Beziehung zur Medizin vertieft sich erst jetzt
Parallel dazu verändert sich etwas, das im Training noch gar nicht richtig anfangen kann: deine Beziehung zur Medizin selbst. Im Training lernst du, wie man Punkte setzt, Dosen wählt, Protokolle einhält. Nach dem Training beginnt oft die subtilere Ebene: deine persönliche Beziehung zu Kambo, zu Ritual, zu Intuition. Du merkst, wann das Standard-Protokoll passt und wann du minimalistischer sein musst. Du spürst, wie dein eigener Zustand den Raum prägt – Schlaf, Ernährung, Emotionen, Panema. Und dann das: „weniger“ ist oft sicherer und heilsamer als „mehr“.
Takeaway: Practitioner wachsen indem sie sich Hilfe holen – Supervision, Austausch mit Kollegen, gelegentlich medizinische oder therapeutische Fachmeinungen. Niemand, der diese Arbeit ernst nimmt, arbeitet dauerhaft im Alleingang. Und „nicht alleine“ bedeutet mehr als ein gelegentliches Gespräch mit jemandem, den man vom Training kennt.
Das Dorf, das du brauchst
Kambo kommt aus einem Kontext, in dem nie alleine gearbeitet wurde. Die Medizin war und ist eingebettet in ein Netz aus Wissen, Kontrolle, Weitergabe, das über Generationen gewachsen ist. Wenn wir Kambo respektvoll in unsere Kultur bringen wollen, brauchen wir genau das: ein Netz.
Eine gute Kambo-Community hat eine gemeinsame Ethik, transparente Feedbackkultur und echte Möglichkeiten für Supervision und Fallbesprechung. Ich rede von einem Rahmen, in dem auch die schwierigen Fälle angeschaut werden – ohne Schuldzuweisung, aber mit Ehrlichkeit, und nicht primär zum gegenseitigen Schulterklopfen. Wer diese Struktur hat, ist als Practitioner deutlich stabiler als jemand, der alleine vor sich hinarbeitet und damit auch keine echte Feedbacksituation erlebt.
Die IAKP hat dafür einiges aufgebaut – globale Practitioner-Community, Mentor-Programm, Advanced- und Master-Programme für alle, die tiefer einsteigen wollen. Wenn du dich für ein Training bei uns entscheidest, findest du alle Informationen zu Terminen und Voraussetzungen hier auf kambo.berlin oder bei der IAKP.
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