Stell dir vor, in Peru erscheint ein Text über „die Berliner“. Der Autor weiß nur eines über sie: dass sie gern Kaffee trinken. Ungefähr so geht es den Matsés in der Kambo-Welt. Wir kennen ihren Frosch, wir kennen ihr Wort für ihn, „Acate“, und damit ist das Wissen meistens erschöpft. Auf Deutsch gibt es über sie kaum etwas zu lesen. Auf Englisch finden sich einige Arbeiten vom Linguisten David Fleck und der Anthropologin Camilla Morelli. Die ausführlichsten Beschreibungen ihres Lebens existieren aber nur auf Portugiesisch und Spanisch. Einige davon haben Matsés sogar selbst geschrieben. Die gute Nachricht: Seit uns KI beim Übersetzen hilft, kommen wir auch an diese Informationen heran. Und darin steht jede Menge, das man so noch nicht gewusst hat…
Ein Volk, das „Menschen“ heißt
Von außen nannte man sie lange „Mayoruna“, Quechua für „Flussleute“. Dass sie so genannt wurden, wussten sie selbst nicht, bevor die Missionare kamen.[1] Matsés bedeutet einfach „Menschen“. Es ist das Wort für den Einzelnen und für das ganze Volk. Eine Mehrzahl gibt es nicht. Der brasilianische Anthropologe Walter Coutinho kennt die Matsés seit 1991. Für seine Doktorarbeit von 2017 hat er ihre Erzählungen über die eigene Geschichte gesammelt.[1] Die Welt der Menschen sortieren sie in drei Gruppen: matsés sind „wir“, matsés utsi sind „andere wie wir“, und chotac sind die Fremden, ungefähr „die, die gekommen sind“. Du und ich – wir sind also chotac, auch wenn wir in diesem speziellen Fall vielleicht noch gar nicht angekommen sind. Denn das ist gar nicht so einfach…
Zu Hause am „Vater der Flüsse“
Der Begriff „Flussleute“ ist Programm. Die Matsés leben im Becken des Javari, auf beiden Seiten der Grenze zwischen Peru und Brasilien. Ihr großer Fluss heißt bei ihnen Actiamë, „Vater der Flüsse“.[1] Allein in Peru sind es heute rund 4.000 Menschen in 29 Gemeinden, berichtet das Umweltnachrichtenportal Mongabay.[2] Auf der brasilianischen Seite teilen sie sich ein Schutzgebiet mit anderen Völkern. Es ist ungefähr so groß wie Österreich.[3]
Die Anreise ist ein ziemliches Projekt. Die Anthropologin Camilla Morelli hat 2010 für ihre Doktorarbeit über Matsés-Kinder ein Jahr in einem Dorf am Chobayacu gelebt. Von dort brauchte sie acht bis zehn Stunden im Motorkanu bis Colonia Angamos. Das ist die nächste Kleinstadt.[4] Aus den entlegensten Gemeinden sind es bis zu zwei Tage. In trockenen Jahren setzen die Boote auf Grund und es dauert noch länger.[2]
Strom aus der Steckdose gab es 2010 den Quellen zufolge noch nicht. Dafür hatte jedes Dorf ein Funkgerät mit Solarpanel. Morgens und abends hörten alle mit. Damit war es das schnellste Klatschmedium der Gegend.[4] Wie es heute aussieht, weiß Roldán Dunú Tumi Dësi aus erster Hand.
Dunú ist Matsés und in der Gemeinde Buenas Lomas Antigua aufgewachsen. In Iquitos hat er Anthropologie studiert. 2024 kam er für seine Masterarbeit über das Geld bei den Matsés wieder nach Hause. Inzwischen gab es in einigen Matsés-Gemeinden schon Internet.[5]
Wer vorbeikommt, wird gefüttert
Besuch heißt bei den Matsés zuerst einmal: gemeinsam essen. Man kommt am liebsten, wenn der Hausherr gerade ein großes Tier erlegt hat. So wird jedes Essen auch zur kleinen Leistungsschau für den Jäger und für die Köchin. Die Männer sitzen auf den Bänken am Eingang, die Frauen am Feuer. Herum geht ein Bananenbrei. Geiz ist ein Makel.[1]
Nach dem Essen wird Rapé geteilt. Die Matsés nennen es nënë.[6] Coutinho beschreibt, wie es entsteht: Die Blätter kommen aus dem Garten und trocknen über Glut. Dann werden sie in einem Bambusrohr zerstoßen und mit der Asche vom Holz des wilden Kakaobaums gemischt.[1] Der Matsés-Häuptling Jorge Shabac gibt einen Tipp auf der Website Xapiri Ground, die über Medizin und Wissen der Matsés berichtet: Es gehört in beide Nasenlöcher, damit das Gleichgewicht stimmt.[7]
Das begehrteste Gerät im Dorf ist trotzdem das Handy und nicht das Tepi. Als Dunú 2021 in Buenas Lomas Antigua nachfragte, gab es dort noch kein Netz. Gekauft wurde es trotzdem schon damals, für Musik und Fotos. Auf dem Feld lief die Musik aus der Hosentasche.[6]
Der Mann, der seinen Pfeil heiratet
Und der Frosch? Anthropologe Dunú hat einst für seine Abschlussarbeit die Leute in Buenas Lomas Antigua genau dazu befragt. Er nennt das Sekret „Harz“. Um an dieses Harz zu kommen, muss man den Frosch erst einmal herunterlocken. Die Männer ahmen seinen Ruf nach, „poc, poc, poc“. Und der Frosch antwortet. Ein fleißiger Mann ruft ihm außerdem zu: „Alte, komm und friss Hirschdarm.“ Das ist ganz praktisch gemeint. Man legt Eingeweide ans Wasser, und der Frosch mag es gern etwas abgehangen. Ruft dagegen ein Fauler, hört der Frosch einfach nicht hin.[6]
Wofür man Acate nimmt, beantworten Dunús Gesprächspartner alle mit einem Wort: sian. Es heißt wörtlich „stechen“ oder „stark sein“. Man kann es als Jagdkraft übersetzen. Ein Matsés erklärt es so: Sian ist, wenn der Mann seinen Pfeil heiratet. Das Wort ist verwandt mit dem für Chili. So soll es sich auch anfühlen. Raubtiere, selbst der Jaguar, meiden einen Mann mit sian, weil er ihnen zu scharf und zu bitter riecht. Die Beute dagegen findet ihn leichter.[6]
Sian kann man sich wie ein Konto vorstellen, das sich beim Jagen leert. Dass es leer ist, merkt man daran, dass man nicht mehr trifft. Dann wird nachgefüllt, mit dem Sekret des Frosches. Süßes bucht vom Konto wieder ab. Bananenbrei, geröstete Banane, süße Waldfrüchte und Honig sind danach tabu.[6]
Die Männer, die Acate verabreichen, gelten als gute Jäger und fleißige Arbeiter. Heiler sind sie keine, betont Dunú. Man geht zu ihnen wie zu dem Mitschüler, der immer die Eins schreibt, wenn man selbst für die Prüfung üben will.[6]
Was dabei passiert, hat der Sprachwissenschaftler David Fleck aufgeschrieben, dem wir eine Grammatik des Matsés als Doktorarbeit zu verdanken haben. Nach Fleck wandert das Jagdgeschick vom alten, erfahrenen Jäger zum jüngeren, wenn der Alte aufträgt.[8]
Was beim Erbrechen herauskommt, ist bitter. Für die Matsés ist dieses Bittere die Faulheit, die den Körper verlässt. Wer abends mit leeren Händen heimkommt, sagt deshalb: „Stich mich, ich habe gefehlt.“ Beim Brennen der Gates rufen die Männer „ëin, ëin, ëin, ëin“, damit die Schlangen es hören. Der Frosch gilt nämlich als ihr Verwandter. Der Kopfschmerz danach fühlt sich an wie nach einem Schlangenbiss.[6] Frauen bekommen das Sekret auf den Bauch, Männer auf Arme und Brust. Und auch der Jagdhund kommt nicht ungeschoren davon: Hält man ihn für zu faul, bekommt er einen Klecks direkt auf die Schnauze. So hat es zumindest Beatriz de Almeida Matos aufgeschrieben. Die brasilianische Anthropologin forscht seit vielen Jahren in den Matsés-Dörfern auf der brasilianischen Seite.[9]
Woher sie das Wissen um den Frosch haben, erzählen sie in ihrem eigenen Geschichtsbuch Matses Icampid. Herausgegeben haben es 2014 die Matsés Daniel Manquid Jiménez Huanán und Aleandro Jiménez Ëshco zusammen mit David Fleck. Bogen und Pfeil lernten ihre Vorfahren demnach von den Camumbos, den „Jaguar-Leuten“. Den Frosch brachte ihnen ein anderes Volk, die Marubos. Und zwar nicht in die Haut, sondern in die Nase geblasen.[10]
Eine Sprache, die nach deiner Quelle fragt
Wer so viel über Spuren und Beute weiß, braucht eine genaue Sprache. Will man auf Matsés sagen, dass Wildschweine vorbeigezogen sind, braucht man vier verschiedene Formen. Es kommt darauf an, ob man die Spuren selbst vor Kurzem oder vor langer Zeit entdeckt hat und ob sie frisch waren oder alt.[1] Ein „Da waren Wildschweine“ ohne Herkunftsangabe gibt es nicht. Deshalb zählt Fleck Matsés in diesem Punkt zu den ausgefeiltesten Sprachen der Welt.[11]
Für die meisten Jagdtiere gibt es außerdem bis zu fünf Namen. Ein guter Jäger kennt sie alle.[11] Viele Matsés erklären das so: Stirbt ein Verwandter, spricht man eine Zeit lang kein Wort aus, das so ähnlich klingt wie sein Name. Dann muss eben ein anderes her. Der Tapir zum Beispiel hieß früher auad. Heute nennen ihn die meisten nëishamë, „großes Fleisch“.[9]
Wie die Außenwelt hier ankam
Wie Kambo von den Matsés nach New York gelangte, steht im Artikel über Peter Gorman: https://kambo.berlin/peter-gorman-kambo/. Hier geht es um die Gegenrichtung.
Lange blieben die Matsés unter sich. Ihre Vorfahren lebten so weit abseits, dass sie Fremden erst um 1890 begegneten. Das waren die Kautschuksammler.[10] Die nächsten Besucher kamen von oben. In den 1960er Jahren flog die Missionarin Harriet Fields mit einem Flugzeug über die großen Gemeinschaftshäuser. An den Flügeln hingen Lautsprecher, und sie warf Metallgegenstände ab.[9] Ein abgeworfenes Radio nahmen die Matsés auseinander und machten aus den Drähten Armbänder.[4]
Als Missionare Geschenke auf einer Lichtung liegen ließen, lag beim nächsten Mal etwas anderes an derselben Stelle: ein Päckchen aus Palmblättern mit einer dicken weißen Paste. Der junge Missionar hielt sie für Maniok, bis die Matsés ihm sagten, es sei Rohkautschuk.[1] 1969 kamen Harriet Fields und ihre Kollegin Harriet Kneeland schließlich zu Fuß.[9] Warum die Matsés sie so friedlich aufnahmen, haben Älteste später Camilla Morelli erklärt: Die Frauen hatten Medizin dabei und versprachen Frieden. Und ihre Macheten und Kochtöpfe waren von außergewöhnlicher Qualität.[4] Danach ging es schnell. An der Landebahn wuchs ein Dorf. Es kamen Schulen, eine Bibel auf Matsés und irgendwann auch das Geld.[9][4][5]
Bleiben oder gehen?
„Piucquid nibëdec, chonuad nibëdec“ hört Dunú zu Hause ständig: kein Geld, keine Arbeit. Immer mehr junge Matsés gehen deshalb in die Städte. Eine Frau aus seinem Dorf ist nach Colonia Angamos gezogen. Sie erklärte ihm, im Dorf gebe es keine Arbeit und damit kein Geld für Seife und Salz. Und ihre Kinder sollten nicht ohne Schuhe und ohne Spanisch aufwachsen. Andere zieht es einfach hinaus. Seit es in einigen Gemeinden Internet gibt, sehen die Jungen Fotos von denen, die schon gegangen sind. Dann wollen sie es ihnen nachmachen.[5] Sogar die Brautwerbung hat sich verändert. Früher war ein fleißiger Jäger der Traumschwiegersohn. Heute wünschen sich die Schwiegermütter einen mit Geld.[5]
Und hier kommt der Frosch ins Spiel. Das Sekret wird besser bezahlt als Kochbananen, Maniok oder Hühner. Es bringt regelmäßig Geld, und verdienen kann man es zu Hause. In Buenas Lomas Antigua sammeln heute Väter, Mütter und Jugendliche. Die Väter kaufen davon Motorsägen, Bootsmotoren und Patronen. Die Mütter tauschen es gegen Salz und Seife.[5]
Dunú erzählt von einem Vierzehnjährigen, der nachts allein losgeht, um Sekret für ein Handy zu sammeln. Sein Freund hat dafür 15 Sticks gebraucht. Ihm fehlen noch acht.[5] Ob das reicht, um die Jungen im Dorf zu halten? Der Gemeindechef, ein Verwandter, hat Dunú etwas mit auf den Weg gegeben: Wenn du mit dem Studium fertig bist, komm zurück und arbeite hier. Wer soll es sonst tun?[5]
Die Nachfrage hat ihren Preis. Ein Sammler erzählte dem Matsés-Anthropologen Dunú, er finde nur noch Frösche ohne Sekret. Die anderen hätten schon alles abgeerntet. Wir von der International Association of Kambô Practitioners (IAKP) wollten genauer wissen, wie es den Fröschen geht. Deshalb haben wir 2025 eine Zählung in fünf Matsés-Gemeinden bezahlt. Der Biologe Frank Christian Flores Ponce fand 80 Frösche.[12]
Ihr Wissen schützen die Matsés inzwischen selbst. Fünf Heiler haben ein Pflanzenlexikon in ihrer eigenen Sprache geschrieben. Es gibt keine Übersetzung und keine lateinischen Pflanzennamen, damit niemand von außen das Wissen einfach abgreifen kann.[3] Und in zehn Dörfern wachsen „Heilwälder“, damit das Wissen der Ältesten bei den Jüngeren ankommt.[7]
Matsés heißt Menschen. Manche Menschen trinken Kaffee: buymeacoffee.com/kamboberlin
Quellen
[1] Walter Coutinho (2017): Gente Valente: uma Coletânea Matsés. Histórias Indígenas no Vale do Javari (1866–1974). Doktorarbeit, Universidade de Brasília.
[2] Aimee Gabay (2026): „Drought is deepening a health crisis among Peru’s recently contacted Indigenous Matsés“, Mongabay, 2. September 2026.
[3] Jeremy Hance (2015): „Amazon tribe creates 500-page traditional medicine encyclopedia“, Mongabay, Juni 2015.
[4] Camilla Morelli (2013): The River Echoes with Laughter: how children’s ways-of-knowing transform the world and future horizons of Matses people in Peruvian Amazonia. Doktorarbeit, University of Manchester.
[5] Roldán Dunú Tumi Dësi (2025): Piucquid nibëdec: el dinero entre los Matsés de Buenas Lomas Antigua, Amazonía peruana. Masterarbeit, Universidade Federal do Pará, Belém.
[6] Roldán Dunú Tumi Dësi (2022): Práctica ritual del veneno de sapo acate en la Comunidad Nativa Matsés Buenas Lomas Antigua 2021. Abschlussarbeit (Licenciatura in Anthropologie), Universidad Nacional de la Amazonía Peruana, Iquitos.
[7] Xapiri Ground: „Matsés – Medicine“, xapiriground.org.
[8] David W. Fleck (2001): „Culture-specific notions of causation in Matses grammar“, Journal de la Société des américanistes 87: 177–199. DOI 10.4000/jsa.1959.
[9] Beatriz de Almeida Matos (2014): A Visita dos Espíritos: ritual, história e transformação entre os Matses da Amazônia brasileira. Doktorarbeit, Museu Nacional, Universidade Federal do Rio de Janeiro.
[10] Daniel Manquid Jiménez Huanán, Aleandro Jiménez Ëshco und David W. Fleck (2014): Matses Icampid / La Historia de los Matsés, Primera Parte 1860–1947. Iquitos: Tierra Nueva Editores.
[11] David W. Fleck (2013): Panoan Languages and Linguistics. Anthropological Papers of the American Museum of Natural History, Nr. 99.
[12] Frank Christian Flores Ponce (2025): Informe Final: Monitoreo de la especie Phyllomedusa bicolor en las comunidades nativas de los ríos Gálvez, Yaquerana y Quebrada Chobayacu. Bericht im Auftrag der IAKP.
