Kambo und das Immunsystem: Ein Blick auf die Forschung

Kambo wird von den Stämmen im Amazonas traditionell zur Bekämpfung von Infektionen eingesetzt. Ein erkrankter Stamm steht gar im Mittelpunkt der Ursprungslegende von Kambo. Da liegt die Frage nahe, wie sich die Wirkweise von Kambo auf das Immunsystem im Licht westlicher Forschung darstellt. 

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(Diesmal etwas längerer) Disclaimer: Ich bin weder Ärztin, noch Heilpraktikerin. Ich verfolge lediglich seit über einem Jahrzehnt die wissenschaftliche Forschung rund um Kambo. 2021 habe ich eine Ausbildung zum Immunsignatur-Coach am Mojo-Institut von Dr. Gerrit Keferstein absolviert, um das Immunsystem besser zu verstehen. 

Dieser Artikel stellt keine medizinische Empfehlung dar und dient ausschließlich deiner allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist ein Arzt der richtige Ansprechpartner. 

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Im Kambo Practitioner Training lernen wir, dass die Stämme im Amazonas auf die Hilfe von Kambo vertrauen, wenn es um Infektionen geht. Als ich einst vom Training nach Hause kam, hatte ich diese Information im Hinterkopf. Dort blieb sie auch erst einmal. Die wissenschaftliche Untersuchung von Kambo stand in den ersten Jahren noch nicht sehr hoch oben auf meiner Prioritätenliste. Dann kam die Corona-Zeit und das Immunsystem war plötzlich in aller Munde – und damit natürlich auch die Frage, wie sich Kambo auf dieses System auswirkt. 

Die wichtigste Info vorab: Als Klient mit wenig Erfahrung solltest du mit einer beginnenden Erkältung nicht in einen Kambo-Kreis hineinspazieren und auf schnelle Heilung hoffen. Das Risiko, dass du andere Teilnehmer ansteckst ist wesentlich höher als die Chance, dass sich dein Gesundheitszustand schnell verbessert. Dies schließt nicht aus, dass man als Practitioner oder erfahrener Klient im Laufe der Kambo-Laufbahn Strategien entwickelt, die für einen selbst funktionieren. 

Legen wir also los. Ich habe mich bemüht, jede Aussage in diesem Beitrag wissenschaftlich zu untermauern. Falls einer der Links nicht mehr funktioniert, freue ich mich, wenn du mich darauf aufmerksam machst. 

Peptide in der Medizin

Falls du den Begriff „Peptide“ jetzt gerade zum ersten Mal gehört hast: Du musst nicht sehr tief in die medizinische Materie eintauchen, um die Grundidee zu verstehen. Peptide sind kurze Ketten von Aminosäuren – sozusagen die kleinen Geschwister der Proteine. Im menschlichen Körper fungieren sie als Botenstoffe, Hormone und Regulatoren. Peptide erleben seit etwa 2020 einen echten Boom – insbesondere durch die Erfolge der GLP-1-Analoga bei Diabetes und Adipositas. Im Jahr 2026 sind Peptide eine der dynamischsten Klassen in der Pharmazie: sie verbinden die Präzision kleiner Moleküle mit der hohen Spezifität von Biologika, von sehr wirksamen Medikamenten also, die auf das Immunsystem einwirken. 

Der Peptid-Cocktail von Kambo: Was ist da eigentlich drin?

Der italienische Wissenschaftler Vittorio Erspamer von der Universität Rom, der Kambo bereits in den 1980er Jahren untersuchte, nannte es 1986 “einen fantastischen chemischen Cocktail mit potenziellem medizinischem Einsatz, unübertroffen von jedem anderen Amphibium” [1]. Erspamer, der Serotonin entdeckte und zweimal für den Nobelpreis nominiert wurde [2], bezeichnete die Phyllomedusa-Familie als “riesige Fabrik und Lagerhaus für eine Vielfalt aktiver Peptide”[3].

Kambo enthält mindestens 16 bioaktive Peptide [4]. Das Besondere an Kambo: Viele dieser Peptide ähneln strukturell denen, die auch in unserem Körper vorkommen [5].

Die wichtigsten bioaktiven Peptide in Kambo sind [6]:

  • Phyllocaerulein: Wirkt auf Verdauungstrakt und Gefäße
  • Phyllomedusin: Beeinflusst Blutgefäße und glatte Muskulatur
  • Phyllokinin: Gefäßerweiternd, verbessert Durchblutung
  • Sauvagine: Reguliert Stressantwort über die Nebennieren
  • Deltorphine: Starke schmerzlindernde Wirkung
  • Dermorphine: Noch potenter als Morphin
  • Dermaseptine: Antimikrobielle und immunmodulierende Peptide

Dermaseptine: Die Wächter des Immunsystems

Dermaseptine gehören zu einer Superfamilie antimikrobieller Peptide und haben Eigenschaften, die Wissenschaftler weltweit faszinieren. Ein Großteil der modernen Forschung zu Dermaseptinen kommt aus der School of Pharmacy der Queen’s University Belfast. Dort hat eine Arbeitsgruppe um die Professoren Mei Zhou und Chris Shaw in den letzten Jahren mehrere wichtige Studien veröffentlicht [7][8][9].

Ihre Arbeit zeigt: Dermaseptine wirken nicht nur antimikrobiell, sondern haben auch bemerkenswerte Anti-Krebs-Eigenschaften. In Laborstudien konnten sie zeigen, dass verschiedene Dermaseptine das Wachstum von Lungen-, Brust-, Prostata- und Gehirn-Tumorzellen hemmen – und das bei relativer Schonung gesunder Zellen [10][11].

Der Mechanismus ist clever: Bei niedrigen Konzentrationen (10⁻⁶ M) induzieren Dermaseptine Apoptose (programmierten Zelltod) über den mitochondrialen Signalweg. Bei höheren Konzentrationen (10⁻⁵ M und darüber) durchlöchern sie direkt die Zellmembran [12]. Diese dosisabhängige doppelte Wirkung macht sie zu vielversprechenden Kandidaten für neue Krebstherapien.

Der Unterschied zwischen Labor und Leben

Hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Alles, was wir wissenschaftlich über Kambo wissen, basiert entweder auf isolierten Peptiden in Zellkultur oder auf Tierversuchen. Es gibt kaum kontrollierte Studien am Menschen [13].

Das bedeutet: Wenn jemand nach einer Kambo-Zeremonie sagt “Ich hatte seit Monaten keine Erkältung mehr” oder “Meine Autoimmun-Symptome haben sich verbessert” – dann ist das eine valide persönliche Erfahrung. Aber es ist nicht das, was die Wissenschaft als “Beweis” akzeptiert.

Hinzu kommt: Kambo ist kein Einzelwirkstoff. Es ist ein Cocktail aus Peptiden, die synergistisch wirken könnten [14]. Diese Synergie lässt sich im Labor kaum nachbilden. Außerdem wirkt Kambo nicht isoliert, sondern im Kontext einer zeremoniellen Erfahrung – mit Purging, emotionaler Katharsis, Intention-Setting.

Wie trennt man die biochemische Wirkung der Peptide von der psycho-somatischen Wirkung der Zeremonie? Und muss man das überhaupt? 

Immunmodulation, nicht nur Immunstimulation

Hier wird es richtig interessant: Kambo “boosted” das Immunsystem nicht einfach. Es moduliert es. [15] Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein Boost bedeutet einfach erst mal mehr von allem: mehr Abwehrzellen, mehr Entzündung, stärkere Reaktion. Das Problem dabei: Ein zu starker oder unkontrollierter Boost kann das System überfordern, Entzündungen verstärken („cytokine storm“-ähnlich), Autoimmunität auslösen oder bestehende Autoimmunerkrankungen verschlimmern. Es ist wie Gas geben – gut, wenn man zu langsam fährt, aber gefährlich, wenn man schon auf der Überholspur ist.

Bei der Modulation wird ein System reguliert und ins Gleichgewicht gebracht – nicht pauschal hoch- oder runtergefahren, sondern angepasst an die aktuelle Situation.

Viele Peptide in Kambo beeinflussen die Kommunikation zwischen Immunzellen. Sie können:

  • Die Aktivität von Leukozyten (weiße Blutkörperchen) stimulieren
  • Entzündungsprozesse regulieren
  • Die Produktion antimikrobieller Substanzen im Körper anregen
  • Das Gleichgewicht zwischen verschiedenen Immunzellentypen beeinflussen

Das könnte erklären, warum Menschen mit Autoimmunerkrankungen oft positive Erfahrungen mit Kambo berichten: Das System wird nicht einfach “aufgedreht”, sondern neu kalibriert.

Was noch erforscht wird: Die Frontlinie der Wissenschaft

1. Antimikrobielle Aktivität 

Studien zeigen, dass Kambo-Peptide gegen ein breites Spektrum von Pathogenen wirksam sind [16] [17]:

  • Gram-negative Bakterien (E. coli, Pseudomonas aeruginosa)
  • Gram-positive Bakterien (Staphylococcus aureus, MRSA)
  • Hefen (Candida albicans)
  • Einige Viren

Die Wirksamkeit gegen antibiotikaresistente Bakterien (MRSA) ist dabei besonders bemerkenswert [18]. In einer Zeit, in der Antibiotikaresistenzen zu den größten Gesundheitsbedrohungen weltweit gehören, könnten Peptide wie die aus Kambo alternative Ansätze bieten.

Einige Kambo-Peptide zeigen antivirale Eigenschaften, besonders gegen “behüllte Viren” (Viren mit Lipidmembran) [19]. Das macht sie theoretisch interessant für die Bekämpfung von Viren wie Influenza oder Herpes. Aber auch hier: Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

2. Krebs-Forschung

Die Anti-Tumor-Aktivität von Kambo-Peptiden ist eines der heißesten Forschungsgebiete. Aktuelle Studien untersuchen [20] [21] [22]:

  • Spezifische Tumorzellen: Prostatakrebs, Brustkrebs, Lungenkrebs, Glioblastome
  • Mechanismen: Wie genau töten die Peptide Krebszellen ab, ohne gesunde Zellen zu schädigen?
  • Kombinations-Therapien: Könnten Kambo-Peptide bestehende Krebsbehandlungen unterstützen?

Ein Forschungsteam der Queen’s University Belfast wurde für ihre bahnbrechende Arbeit mit Frosch-Sekreten und Krebs ausgezeichnet [23]. Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber – und das ist wichtig – es handelt sich bisher um Labor- und Tierstudien. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus.

Was bedeutet das für dich?

Wenn du überlegst, Kambo zu machen, oder es bereits getan hast, was solltest du aus all dem mitnehmen?

Das wissen wir sicher:

  • Kambo enthält potente bioaktive Peptide mit antimikrobiellen und immunmodulierenden Eigenschaften
  • Diese Peptide wirken auf zellulärer Ebene und können messbare physiologische Effekte haben
  • Die Forschung zeigt vielversprechende Ansätze, besonders bei Infektionen und möglicherweise bei Krebs

Das wissen wir (noch) nicht:

  • Ob und wie gut diese Labor-Ergebnisse auf lebende Menschen übertragbar sind
  • Welche Langzeiteffekte Kambo auf das Immunsystem hat
  • Welche Rolle die Synergie der verschiedenen Peptide spielt
  • Wie viel der erlebten Wirkung biochemisch vs. psychosomatisch ist

Die ehrliche Antwort: Kambo bewegt sich in einem faszinierenden Zwischenraum zwischen traditionellem Wissen und moderner Wissenschaft. Die Peptide sind real, ihre Wirkungen im Labor sind beeindruckend, und unzählige Erfahrungsberichte sprechen für sich. Aber die klinische Forschung hinkt hinterher.

Das macht Kambo nicht weniger wertvoll. Es bedeutet nur, dass wir Bescheidenheit brauchen – sowohl in dem, was wir behaupten, als auch in dem, was wir ausschließen.

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Links / Quellen:

[1]: Erspamer, V., Melchiorri, P., Falconieri Erspamer, G., Montecucchi, P. C., & de Castiglione, R. (1985). Phyllomedusa skin: a huge factory and storehouse of a variety of active peptides. Peptides, 6, 7-12.

[2]: Keppel Hesselink, J. M., & Kopsky, D. J. (2018). Rediscovery of old drugs: the forgotten case of dermorphin for postoperative pain and palliation. Dove Medical Press, 6, 321-329. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6260176/

[3]: Erspamer, V. (1985). Phyllomedusa skin: A huge factory and store-house of a variety of active peptides. ScienceDirect. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/0196978185903432

[4]: Thompson, C., & Williams, M. L. (2022). Review of the physiological effects of Phyllomedusa bicolor skin secretion peptides on humans receiving Kambô. Journal of Psychedelic Studies, 6(1), 1-12. https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/23978473221085746

[5]: Keppel Hesselink, J. M. (2019). Frogs as a Rich Source for New Treatment Principles: A Review of Bio-Active Peptides in Phyllomedusae (Phyllomedusa Bicolor) and Bombinae (Bombina Variegate). SL Pharmacology And Toxicology, 2(1), 116. https://scientificliterature.org/Pharmacology/Pharmacology-19-116.pdf

[6]: Thompson & Williams, 2022

[7]: Long et al., 2018

[8]: Dong, Z., Hu, H., Yu, X., Tan, L., Ma, C., Xi, X., Li, L., Wang, L., Zhou, M., Chen, T., Du, S., & Lu, Y. (2020). Novel Frog Skin-Derived Peptide Dermaseptin-PP for Lung Cancer Treatment: In vitro/vivo Evaluation and Anti-tumor Mechanisms Study. Frontiers in Chemistry, 8, 476. https://www.frontiersin.org/journals/chemistry/articles/10.3389/fchem.2020.00476/full

[9]: Shi, D., Hou, X., Wang, L., Gao, Y., Wu, D., Xi, X., Zhou, M., Kwok, H. F., Duan, J., Chen, T., & Shaw, C. (2016). Two Novel Dermaseptin-Like Antimicrobial Peptides with Anticancer Activities from the Skin Secretion of Pachymedusa dacnicolor. Toxins, 8(5), 144. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27187467/

[10]: Dong et al., 2020

[11]: Long et al., 2018

[12]: Long et al., 2018

[13]: Thompson & Williams, 2022

[14]: Thompson & Williams, 2022

[15]: Keppel Hesselink, 2019

[16]: Chen et al., 2019

[17]: Zhu et al., 2018

[18]: Zhu et al., 2018

[19]: Keppel Hesselink, 2019

[20]: Long et al., 2018

[21]: Dong et al., 2020

[22]: Shi et al., 2016

[23]: Long et al., 2018

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