Der Frosch, die Legende und die Frage, wer sie zuerst kannte

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Die meisten kennen eine Geschichte darüber, wie Kambo zu den Menschen kam. Sie spielt am oberen Juruá, im Volk der Kaxinawá: Ein Schamane konnte sein Volk nicht mehr heilen, alle Pflanzen hatten versagt, da ging er unter dem Einfluss von Ayahuasca in den Wald, traf eine weibliche Waldgeistin mit einem Frosch in den Händen, brachte das Wissen zurück, heilte sein Volk, starb, und sein Geist lebte fortan im Frosch weiter. [1]

Die Matsés kennen eine andere. Daniel Bai, ein Ältester, hat sie dem Projekt Xapiri Ground erzählt: Vor dem Kautschuk-Boom hatten die Matsés friedlichen Kontakt zu einem Volk namens Camumbos – die Jaguar-Leute –, die ihnen zeigten, wie man Bögen und Pfeile baut, wie man Gesichtstätowierungen trägt, und wie man das Sekret des Acaté-Frosches verwendet.[2] Diese Geschichte ohne Vision, Waldgeistin und Tod erzählt von Weitergabe von Volk zu Volk, an die ein Ältester noch in der Überlieferung seiner Vorfahren anknüpfen konnte.

Es wäre falsch, die beiden Geschichten als konkurrierende Angaben zu behandeln, so als ob eine davon falsch sein müsse. Denn sie stellen gar nicht dieselbe Frage.

Zwei Fragen, nicht eine

Die Kaxinawá-Legende beantwortet eine kosmologische Frage: Woher kommt diese Kraft in der Welt, und durch wen kam sie zu uns? Das ist die Art Frage, für die Kulturen Ursprungslegenden entwickeln – nicht als historischen Bericht mit Datumsangabe, sondern als Erklärung, die eine tiefere Wahrheit trägt.

Die Matsés-Geschichte beantwortet eine genealogische Frage: Wie haben wir als Volk dieses Wissen erhalten? Das ist Transmissionsgeschichte. Sie setzt einen Ursprung voraus, ohne ihn zu erzählen. Die Camumbos müssen Acaté selbst von irgendwoher gehabt haben – aus einer Vision, von einem anderen Volk, durch eine Begegnung, die in keiner Überlieferung mehr greifbar ist. Die Matsés-Geschichte schließt einen mythischen Ursprung nicht aus; sie erzählt nur den Teil, den ein Ältester noch in der Erinnerung seiner Vorfahren finden konnte.

Man könnte sich das so vorstellen: Das Pfingstereignis und die Geschichte, wie das Christentum durch Missionare nach Süddeutschland kam, beschreiben verschiedene Ereignisse auf verschiedenen Ebenen. Das eine konkurriert nicht mit dem anderen. Die Kaxinawá-Legende und die Matsés-Transmissionsgeschichte tun das genauso wenig.

Das Verbreitungsgebiet, das die Legenden verbindet

Phyllomedusa bicolor lebt über weite Teile Nordamazoniens – von Peru über Kolumbien und Bolivien bis nach Brasilien und in die Guyanas.[3] Aber die Praxis, ihr Sekret rituell zu nutzen, ist auf einen sehr viel schmaleren Streifen beschränkt: Matsés, Marubo, Amahuaca, Huni Kuin, Katukina, Kulina, Yawanawá – sämtliche Gemeinschaften, für die Kambo ethnographisch belegt ist, sprechen Panoan-Sprachen oder leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu Panoan-Gemeinschaften.[4] Der Frosch ist überall in der Gegend zu finden, die Praxis aber nicht.

Das legt nahe, dass Kambo seinen Ursprung in einem gemeinsamen proto-panoischen Kulturraum hat – oder dass es in einer Gemeinschaft entstand und von dort aus entlang der Wege weitergegeben wurde, die Amazonasvölker schon immer verbunden haben: Handelskontakte, Heiratsbündnisse, Krieg, Migration. Die Camumbos aus der Matsés-Überlieferung wären in diesem Bild eine Station in einer langen Weitergabekette, nicht ihr Anfang. Wer die Camumbos waren, lässt sich heute kaum mehr rekonstruieren – der Name bedeutet im Matsés schlicht Jaguar-Leute, ein in Amazonien verbreitetes Ethnonym, und die Gruppe selbst ist vermutlich aufgegangen oder verschwunden. [5]

Fun Fact am Rande: Der Begriff Mayoruna, den Außenstehende lange für die Matsés verwendeten und der heute noch in der Ethnographie auftaucht, hat denselben Ursprung. Er kommt aus dem Quechua und bedeutet soviel wie Flussmenschen oder Waldmenschen – ein Fremdbegriff, den die Matsés nie für sich selbst benutzt haben.

Die Aufzeichnungen von Pater Tastevin

Der erste Nicht-Indigene, der Kambo schriftlich dokumentiert hat, war der französische Missionar Constantin Tastevin. Er war 1925 am oberen Juruá, lebte bei den Kaxinawá und beschrieb das Sekret unter dem Namen kachinaua campon [6] – als Mittel gegen Panema: jene schwer fassbare Schlechtigkeit im Körper, die Jagdpech, Krankheit und allgemeine Trägheit umfasst und die durch die intensive Reaktion ausgetrieben wird. [7] Von einer Ursprungslegende schrieb Tastevin nichts. Entweder hat er nicht danach gefragt, oder er hielt sie nicht für erwähnenswert, oder sie war in der Form, in der sie heute kursiert, noch nicht so geformt. Wir wissen es nicht.

Was Tastevins Bericht zeigt: Im Kaxinawá-Alltag von 1925 war Kambo eine pragmatische Angelegenheit, eingebettet in ein gelebtes Wissen über Körper und Heilung. Keine Ausführungen über Jahrtausende der Tradition, keine Erklärungen für Fremde. Das, was Kambo heute immer mitgeliefert bekommt – Geschichte, Herkunft, Legitimation – ist erst durch den Kontakt mit dem Westen notwendig geworden.

Wissen, das verschwand, bevor jemand fragen konnte

Das Amazonasbecken hat im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen demografischen Zusammenbruch erlebt, der in seiner Intensität das meiste übertrifft, was historisch anderswo überliefert ist. Einige Völker wurden durch Versklavung, Krankheit und Vertreibung während des Kautschuk-Booms auf Restpopulationen von wenigen Hundert Menschen oder weniger reduziert. [8] Die Katawishi aus der Juruá-Region, die Tastevin noch dokumentiert hatte, existieren als eigenständige Gemeinschaft nicht mehr. Viele weitere haben dasselbe Schicksal geteilt, ohne je in einem Text aufgetaucht zu sein. Im Vale do Javari, dem Gebiet der Matsés, gibt es noch immer Gruppen ohne Außenkontakt, über deren Wissen – über Acaté oder anderes – wir schlicht gar nichts wissen. [9]

Welche Völker Kambo kannten und verloren haben, bevor irgendjemand fragen konnte: Das ist die Frage, die in der populären Literatur fast nie gestellt wird. Wissen ist keine stabile Substanz. Es wird von Menschen getragen, und wenn diese Menschen sterben oder ihre Lebensbedingungen sich so radikal verändern wie im Kautschuk-Boom, dann kann eine Praxis innerhalb einer Generation verschwinden. Ab den 1960er Jahren kamen dazu evangelikale Missionare des Summer Institute of Linguistics zu den Matsés – mit dem Ziel, ihre Sprache zu dokumentieren und die Bibel zu übersetzen, [10] und mit der Wirkung, die Missionierungen auf traditionelles Wissen so gut wie immer haben. Wie tief das in das Wissen über Acaté eingegriffen hat, ist nicht gut erforscht.

Acaté Amazon Conservation hat auf diese Verlustdynamik mit einem konkreten Projekt geantwortet: Matsés-Älteste haben gemeinsam mit jüngeren Stammesmitgliedern ein medizinisches Pflanzenlexikon ausschließlich in ihrer eigenen Sprache erstellt – Band I 2015 mit 500 Seiten, Band II 2017, inzwischen rund 1.000 Seiten gesamt. Es wurde nicht übersetzt, ist also nicht für Außenstehende gedacht, sondern für die Gemeinschaft selbst. [11]

Wem gehört die Frage?

Dass Kambo heute in Berlin, Miami und London angeboten wird, hat eine eigene Verbreitungsgeschichte, die nichts mit den Kaxinawá-Legenden und nichts mit den Camumbos zu tun hat. Es waren hauptsächlich Katukina-Mitglieder und Kautschukzapfer aus Acre, die Kambo ab Mitte der 1990er Jahre in brasilianische Städte trugen.[12] Von dort aus lief die Verbreitung über westliche Kambo-Interessierte, die in Brasilien und Peru Zeremonien erlebt hatten und das Wissen mit nach Hause nahmen. 2004 beanspruchten die Katukina gegenüber der brasilianischen Gesundheitsbehörde ANVISA das geistige Eigentum an Kambo[13] – obwohl Kambo von mehreren Völkern genutzt wird, die diese Urheberschaft ganz anders sehen. Antonio Manquid Jiménez Tafur, Matsés-Ältester aus dem Dorf Nuevo San Juan, sagt es klar: Er sei nicht einverstanden damit, dass Acaté ihre Gebiete verlasse. Die Außenstehenden eigneten sich ihre traditionellen Praktiken an.[14] Dennoch arbeitet das Volk der Matsés mit Organisationen wie der IAKP eng zusammen. Am Ende kommt es zu der zentralen Frage: Wenn die Matsés die Sticks nicht verkaufen, tut es ein anderer. Und wenn wir sie nicht kaufen, tut es ebenfalls ein anderer. Indem die Stämme die Weitergabe ihres materiellen Kulturguts selbst in die Hand nehmen, bewahren sie letztendlich ihre Entscheidungshoheit.

Wie diese Verbreitung im Detail aussah – von den ersten indigenen Gemeinschaften bis nach Europa und Nordamerika – erzählt der Artikel Ein Frosch geht um die Welt.

Was mich an beiden Legenden – der Kaxinawá und der Matsés – interessiert, ist letztlich dasselbe: dass sie beide von Menschen erzählt werden, die noch leben, und dass die Frage, wem dieses Wissen gehört, keine historische ist. Die Geschichte, die ich manchmal erzähle, ist auch durch den Filter der westlichen Kambo-Welt gelaufen. Das macht sie zu einer Geschichte unter mehreren – und die Leute, die die anderen Versionen kennen, hat niemand besonders laut gefragt.

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Quellen

[1] Die Legende in dieser Form ist u.a. wiedergegeben bei: Edilene Coffaci de Lima & Beatriz Caiuby Labate (2007): „Remédio da Ciência e Remédio da Alma.“ Campos 8: 71–90. Außerdem in IAKP-Practitioner-Materialien und zahlreichen populären Kambo-Texten.

[2] Daniel Bai, Matsés-Ältester, Interview mit Xapiri Ground / Ancestral Transmission (2020): „Part 2 – Matsés Medicine“. xapiriground.org.

[3] Vittorio Erspamer et al. (1993): „Pharmacological studies of ‘sapo’ from the frog Phyllomedusa bicolor skin.“ Toxicon 31: 1099–1111. Zur Verbreitung auch IUCN Red List, Eintrag Phyllomedusa bicolor.

[4] Acaté Amazon Conservation: „Matsés Medicine“, acateamazon.org. Sowie Lima & Labate (2008): „A expansão urbana do kampô (Phyllomedusa bicolor): notas etnográficas.“ In: Labate et al. (Hrsg.): Drogas e Cultura. Edufba, Salvador.

[5] Zur Geschichte und Identität der Camumbos: Xapiri Ground (2020), siehe [2]. Zur Verbreitung des Ethnonyms „Jaguar-Leute“ in Amazonien: Philippe Erikson (1994): „Mayoruna.“ In: Santos & Barclay (Hrsg.): Guía Etnográfica de la Alta Amazonía. Vol. 2. FLACSO, Quito.

[6] Constantin Tastevin (1925): „Le fleuve Muru.“ La Géographie, tomes XLIII & XLIV. Erste westliche Dokumentation von Kambo.

[7] Tastevins Panema-Beschreibung referiert und eingeordnet bei Lima & Labate (2007), siehe [1].

[8] Zur Demographie des Kautschuk-Booms: Barbara Weinstein (1983): The Amazon Rubber Boom, 1850–1920. Stanford University Press.

[9] Zu isolierten Gruppen im Vale do Javari: FUNAI, Coordenação Geral de Índios Isolados e de Recente Contato (CGIIRC). Sowie Sozioambientales Institut Brasilien (PIB), Eintrag „Vale do Javari“, pib.socioambiental.org.

[10] Zum SIL-Erstkontakt 1969: Acaté Amazon Conservation: „The Matsés People“, acateamazon.org. Zur Christianisierung durch SIL-Bibelübersetzung spezifisch: Ricardo Lopes Dias (2015): „Nuquin Papa Iquec (Deus existe)“ (Doktorarbeit). Allgemein: David Stoll (1982): Fishers of Men or Founders of Empire?. Zed Books.

[11] Jeremy Hance (2015): „Amazon tribe creates 500-page traditional medicine encyclopedia.“ Mongabay, 30. Juni 2015. Update zu Band II: Acaté Amazon Conservation: „Sustaining Indigenous Medicine“, acateamazon.org.

[12] Lima & Labate (2014): „Medical Drug or Shamanic Power Plant.“ Ponto Urbe 15.

[13] ANVISA, Resolução RE 2.230/2004. Hintergrund bei Lima & Labate (2014), siehe [12].

[14] Antonio Manquid Jiménez Tafur, zitiert bei Christopher Herndon & William Park / Acaté Amazon Conservation: „The Matsés are Revitalizing a Living Healthcare System.“ Intercontinental Cry, 31. Dezember 2018.

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