Frühjahrsputz: Über eine Tradition, die älter ist als jede Detox-Kur


Irgendwann im März, wenn die Tage spürbar länger werden und Schnneeglöckchen und Winterlinge für erste Farbkleckse auf der Wiese sorgen, überkommt es uns wieder. Es ist ein Impuls, der schwer zu benennen ist, aber hartnäckig bleibt: aufräumen, lüften, loslassen. Den Winter abschütteln.

Wir nennen das heute Frühjahrsputz, Detox, Saftkur oder Fastenwoche. Aber die Idee dahinter ist viel älter als die Begriffe. Das Frühjahr ist seit jeher eine Zeit des Übergangs, in der der Körper genauso gereinigt wurde wie Haus und Hof. Die Pflanzen, die als erste aus dem Boden kamen, waren nicht zufällig die schärfsten, bittersten und wirkungsvollsten des Jahres. Und das Fasten war keine religiöse Erfindung, sondern zunächst eine biologische Notwendigkeit, die später rituell aufgeladen wurde.

Dieser Artikel folgt dieser Tradition – woher sie kommt, was sie mit dem Körper macht und warum das Frühjahr tatsächlich der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Wenn der Winter zu Ende geht – und die Vorräte auch

Im vorchristlichen Mitteleuropa war das frühe Frühjahr keine leichte Zeit: Die Wintervorräte waren aufgebraucht, das erste Vieh war geschlachtet und die Feldfrüchte waren noch nicht einmal gepflanzt. Die Zeit zwischen März und Mai war historisch eine Hungerzeit[1] – nicht als spirituelle Entscheidung, sondern weil das Leben es so schrieb.

Was der Boden in dieser Zeit trotzdem hergab, waren Wildpflanzen. Brennnessel, Giersch, Scharbockskraut, Löwenzahn, Bärlauch. Sie sprossen bevor irgendetwas anderes wuchs, und sie brachten genau das mit, was nach einem Winter voller Lagergemüse, Gesalzenem und kaum Frischem fehlte: Vitamin C, Eisen, Bitterstoffe, Chlorophyll. Die Menschen aßen sie, weil sie mussten – und stellten fest, dass es ihnen danach besser ging. Dass der Körper sich anders anfühlte. Leichter. Wacher.

Dieses Wissen wurde über Generationen weitergegeben, zunächst als praktisches Überlebenswissen, dann als Heilkunde, schließlich als Tradition. Die Pflanzen blieben dieselben. Was sich änderte, war die Bedeutung, die wir ihnen gaben.

Ostara und der vorchristliche Frühling

Im germanischen Jahreskreis markierte das Frühlingsfest – das spätere Ostara, benannt nach der Göttin Eostre oder Ostara – den Moment, in dem Licht und Dunkel ins Gleichgewicht kommen.[2] Es war ein Fest der Erneuerung: Feuer wurden entzündet, Quellen gereinigt, Opfergaben gebracht. Und der Körper wurde vorbereitet. Das bedeutete konkret: weniger essen, anders essen, sich auf das Neue einstimmen.

Über die Göttin Ostara selbst ist wenig gesichert überliefert – der Mönch Beda Venerabilis erwähnte sie im 8. Jahrhundert erstmals schriftlich[3], und seitdem ist die Forschung gespalten, wie alt diese Tradition tatsächlich ist und wie viel davon spätere Interpretation war. Was wir aber mit Sicherheit sagen können: Das Frühjahr war im gesamten nordeuropäischen Raum eine Zeit ritueller Erneuerung, die weit über das Persönliche hinausging. Gemeinschaft, Natur und Körper wurden gemeinsam neu ausgerichtet.

Die christliche Fastenzeit und was sie übernahm

Als das Christentum sich im germanischen Raum ausbreitete, traf es auf eine Bevölkerung, die bereits ein Frühjahrsritual hatte. Die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern – angelehnt an die vierzig Tage Jesu in der Wüste – fiel zeitlich nicht zufällig mit dem zusammen, was die Menschen ohnehin taten: wenig essen, anders leben, sich vorbereiten. Die Kirche hat dies nicht ersetzt, sondern überlagert.[4] Viele der praktischen Inhalte blieben: kein Fleisch, kein Fett, stattdessen Wildkräuter, Fisch und das erste Frühlingsgrün. Was sich änderte, war die Begründung.

Hildegard von Bingen, die Äbtissin und Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, beschrieb das Frühjahr als die Zeit, in der der Körper sich von innen erneuert – die Säfte in Bewegung kommen, die Verdauung sich neu ausrichtet, der Geist leichter wird.[5] In ihrer Viersäftelehre, die auf Hippokrates zurückgeht, entsprach das Frühjahr der Galle, dem Element Feuer und dem Prozess der Reinigung. Das Fasten und die Bitterpflanzen waren darin nicht fromme Geste, sondern medizinische Vernunft.

Bärlauch – die erste Medizin des Jahres

Wer im April durch einen feuchten Laubwald geht, riecht ihn, bevor er ihn sieht. Bärlauch (Allium ursinum) ist eines der verlässlichsten Zeichen des frühen Frühlings im germanischen Raum – und eine der ältesten Nutzpflanzen Mitteleuropas. Archäologische Funde belegen seinen Gebrauch seit der Jungsteinzeit.[6] Der Name selbst erzählt: Bären, so die Überlieferung, fraßen ihn als erstes nach dem Winterschlaf, um ihre Kräfte zurückzugewinnen. Ob das stimmt oder eine schöne Geschichte ist – die Vorstellung trifft etwas Richtiges. Uns verleiht er jedenfalls Bärenkräfte.

Was er kann

Bärlauch enthält Allicin und verwandte Schwefelverbindungen – dieselben Wirkstoffe, die auch den Knoblauch so wirksam machen, nur in frischer, unbearbeiteter Form und deutlich bekömmlicher für die Verdauung.[7] Er hat ausgeprägte antibakterielle und antimykotische Eigenschaften, wirkt gefäßerweiternd und blutdrucksenkend[8], und gilt in der Volksmedizin seit Jahrhunderten als das Frühjahrsmittel schlechthin: gut für Darm, Leber und Blut.

Neuere Studien bestätigen, was die Kräuterkundigen schon lange wussten: Bärlauch-Extrakte hemmen das Wachstum verschiedener pathogener Bakterien und zeigen antioxidative Aktivität[9] – er schützt Zellen vor oxidativem Stress, der sich über den Winter aufgebaut hat. Außerdem ist er reich an Vitamin C, dessen Vorkommen in der Winterernährung historisch begrenzt war.

Vorsicht, Verwechslung!

Bärlauch kann mit dem Maiglöckchen (Convallaria majalis) und der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) verwechselt werden – beide giftig, beide ähnlich im jungen Blattstadium. Dieses Unterscheidungsmerkmal ist eindeutig: Bärlauch riecht nach Knoblauch, die anderen nicht. Immer bevor du pfückst: reiben, riechen, sichergehen.[10]  Oder du kommst einfach in Berlin bei einer meiner Kräuterwanderungen mit und ich zeige dir, worauf du noch achten kannst.

Bärlauch ist der bekannteste Frühjahrsbote, aber nicht der einzige…

Scharbockskraut

Scharbockskraut (Ficaria verna) blüht leuchtend gelb als eine der ersten Pflanzen überhaupt und war historisch das wichtigste Mittel gegen Skorbut – die Vitaminmangelkrankheit, die nach langen Wintern auftreten konnte. Der Name leitet sich vom mittelniederdeutschen Wort für Skorbut ab.[11] Die Blätter enthalten im jungen Zustand außergewöhnlich viel Vitamin C und wurden roh gegessen, bevor man überhaupt wusste, warum sie wirkten. Wichtig: Nur die jungen Blätter vor der Blüte essen, danach baut sich ein mildgiftiger Stoff (Protoanemonin) auf.

Löwenzahn

Löwenzahn (Taraxacum officinale) ist heute das meistbekämpfte Unkraut in deutschen Gärten und war jahrhundertelang eine der wichtigsten Heilpflanzen. Blätter, Wurzel und Blüte sind essbar und medizinisch relevant: Die Bitterstoffe regen Gallenfluss und Lebertätigkeit an[12], was die Verdauung von Fetten erleichtert und den Stoffwechsel nach dem Winter ankurbelt. Die Volksmedizin nannte ihn Blutreiniger – nicht romantisch, sondern präzise: Er unterstützt die Ausscheidungsorgane, die im Frühjahr ohnehin aktiver werden.

Brennnessel

Die Brennnessel (Urtica dioica) als Frühjahrspflanze haben wir an anderer Stelle schon besprochen – aber in diesem Kontext gehört sie unbedingt dazu. Im germanischen Jahreskalender war sie das erste grüne Essen nach dem Winter, und ihr Eisengehalt war lebensrettend in einer Ernährung, die monatelang von Konserviertem und Gesalzenem geprägt gewesen war.[13] Jung geerntet, bevor sie Samen bildet, ist sie milde und vielseitig. Und sie wächst überall.

Gundermann

Gundermann (Glechoma hederacea) ist heute fast vergessen, war aber bis ins Mittelalter hinein eine der meistgenutzten Heilpflanzen Europas. Er enthält ätherische Öle, Gerbstoffe und Bitterstoffe, wirkt entzündungshemmend und schleimlösend[14] – und galt in der germanischen Volksheilkunde als Schutzpflanze, die böse Geister fernhält und den Körper reinigt. Er kriecht überall, wo er kann, riecht beim Zerreiben intensiv würzig und schmeckt leicht bitter und minzig.

Die Frankfurter Grüne Soße – oder: wie ein Volksrezept überlebt

Kaum ein Gericht in Deutschland verkörpert die Frühjahrskräutertradition so sinnfällig wie die Frankfurter Grüne Soße, auf Hessisch: „Grie Soß“. Sieben Kräuter, kalt, roh, über Kartoffeln und hartgekochte Eier – ein Gericht, das traditionell am Gründonnerstag seine Saison eröffnet und bis zum ersten Frost hält. Die Zahlen-Symbolik ist dabei kein Zufall: Sieben ist im germanischen wie im christlichen Kontext eine heilige Zahl, und die sieben Kräuter – Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer, Schnittlauch – wurden in der Karwoche, der Zeit der Reinigung und Vorbereitung, eine besondere Heil- und Segenswirkung zugesprochen.[19]

Woher das Gericht kommt, ist bemerkenswert unklar für etwas, das so entschieden als Frankfurter Nationalgericht gilt. Die charmanteste Version – Goethes Mutter Frau Aja habe die Soße erfunden, und der Dichterfürst habe sie zu seinem Leibgericht erkoren – ist nach allem, was wir wissen, ein Märchen, das man gerne Touristen erzählt.[20] Die wahrscheinlichere Geschichte führt über die Hugenotten, calvinistische Glaubensflüchtlinge aus Südfrankreich, die im 16. und 17. Jahrhundert in der Frankfurter Region siedelten und mit ihrer sauce verte – ebenfalls eine Kräutermayonnaise – die lokale Küche beeinflussten.[21] Andere Quellen verweisen auf eine frühere italienische oder römische Tradition grüner Kräutersaucen, die seit Jahrtausenden bekannt ist.

Was das alles zusammen ergibt: Ein Gericht, das niemand erfunden hat und das alle behaupten zu kennen. Das ist keine Schwäche – das ist das Merkmal echter Volksküche. Die Grüne Soße ist kein Rezept, das jemand aufschrieb und dann verbreitete; sie ist eine Praxis, die entstanden ist, weil die Kräuter im Frühjahr wuchsen, weil sie nährten und heilten, und weil Menschen gerne essen, was wirkt.

Wodan, neun Kräuter und ein Zauberspruch

Wer tiefer in die germanische Kräutertradition eintaucht, stößt irgendwann auf eines der faszinierendsten Dokumente, die wir aus dieser Zeit haben: den Neunkräutersegen, altenglisch Nigon Wyrta Galdor. Er wurde im 9. oder 10. Jahrhundert aufgeschrieben und ist Teil der Lacnunga – einer Sammlung altenglischer Heilmittel, Gebete und Zaubersprüche, die um die Jahrtausendwende zusammengestellt wurde.[22]

Der Spruch ist ein Gedicht in drei Teilen. Es beginnt damit, dass neun Kräuter direkt angesprochen werden – mit þu, dem altenglischen Du – als wären sie Wesen mit Persönlichkeit und Eigenwillen. Jedes bekommt seine Eigenschaften beschworen, seinen Charakter heraufgerufen. Der Wegerich ist “der Kräuter Mutter, nach Osten geöffnet, im Inneren mächtig” – über ihn ratterten Karren, schrien Bräute, schnaubten Stiere, und er hat allem widerstanden. Diese Widerstandskraft soll sich auf den Kranken übertragen. Das ist Analogiezauber, aber es ist auch eine präzise phytotherapeutische Beobachtung in poetischer Form.

Im zweiten Teil erscheint Wodan: Er nimmt neun Ruhmeszweige und erschlägt damit eine Schlange, die einen Menschen gebissen hat, so dass sie in neun Stücke zerbricht. Ob die “neun Ruhmeszweige” Runenstäbe, Kräuterzweige oder beides sind, ist bis heute unter Forschern umstritten.[23] Was klar ist: Die Zahl Neun ist im germanischen Denken heilig – drei mal drei, die Potenz des Heiligen – und der Spruch ist durchdrungen von ihr. Neun Kräuter, neun Gifte, neun Geister, neun Teile der erschlagenen Schlange.

Die identifizierten Kräuter des Neunkräutersegens umfassen Beifuß, Wegerich, Brennnessel, Kerbel, Fenchel und Kamille – also mehrheitlich dieselben Pflanzen, die auch heute im Frühjahr aus dem Boden kommen und die wir im Garten ernten. Das ist kein Zufall, sondern die logische Folge davon, dass diese Kräuter verfügbar, wirksam und bekannt waren. Das Ritual machte aus dem Notwendigen etwas Heiliges.

Was Märchen wirklich sind

Wer fragt, ob es ein Märchen über die Frühjahrskräuter gibt, bekommt die ehrliche Antwort: Es gibt kein überliefertes Grimm-Märchen, das die Brennnessel oder den Bärlauch als Protagonisten hat. Was es gibt, ist etwas Älteres und in gewisser Weise Stärkeres: eine jahrhundertealte mündliche und später schriftliche Tradition, die Pflanzen als Wesen mit Würde und Wirkung behandelt, ihnen Stimme und Gedächtnis gibt, sie in kosmische Zusammenhänge einbettet.

Der Neunkräutersegen ist kein Märchen im modernen Sinn – aber er hat dieselbe Funktion: Er macht Wissen unvergesslich, indem er es in Bilder kleidet. Wer einen Moment lang mit dem Wegerich am Straßenrand spricht und sich vorstellt, dass über ihn Karren gerollt und Stiere geschnaubt haben und er trotzdem aufrecht steht – der hat etwas verstanden, das kein Wirkstoff-Profil im Kräuterbuch vermittelt.

Die Legende, dass Eva beim Verlassen des Paradieses heimlich Kräutersamen mitnahm und dieses Wissen von Tochter zu Tochter weitergab, ist eine andere Version derselben Idee:[24] Kräuterwissen ist weibliches Erbgut, mündlich überliefert, wertvoll genug, um es zu schmuggeln. In dieser Lesart ist jede Frau, die weiß, wann man Brennnessel erntet und wozu man Gundermann verwendet, Trägerin einer sehr langen Geschichte.

Was beim Fasten im Körper passiert

Das Fasten im Frühjahr hat keinen spirituellen Ursprung – es war, wie oben beschrieben, zunächst eine Frage der Vorräte. Aber es hat außerdem auch eine Eigenlogik, die wir heute in der Stoffwechselforschung wiederfinden.

Wenn der Körper für zwölf bis vierzehn Stunden keine Nahrung bekommt – oder für mehrere Tage erheblich weniger –, wechselt er seinen primären Energieträger: von Glukose zu Fettsäuren und Ketonkörpern. Gleichzeitig steigt die Aktivität der Autophagie: ein zellulärer Aufräumprozess, bei dem beschädigte Proteine und Zellorganellen abgebaut und recycelt werden.[15] Yoshinori Ohsumi bekam dafür 2016 den Nobelpreis für Physiologie – aber der Mechanismus selbst wurde in der Volksheilkunde intuitiv genutzt, lange bevor er einen Namen hatte.

Was das für das Frühjahr bedeutet: Der Wechsel von schwerer, fettreicher Winterkost zu leichteren, bitteren, grünen Lebensmitteln ist keine sentimentale Tradition. Er setzt physiologische Prozesse in Gang. Die Leber, die über den Winter viel Arbeit hatte, bekommt Entlastung. Das Mikrobiom, das monatelang wenig Vielfalt hatte, bekommt neue Impulse. Und das Nervensystem, das in der Dunkelheit und Kälte in einem anderen Modus war, beginnt sich neu auszurichten.

Intermittierendes Fasten und der zirkadiane Rhythmus

Die Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass der Zeitpunkt des Essens fast so wichtig ist wie das, was wir essen. Der zirkadiane Rhythmus – die innere Uhr, die sich am Licht orientiert – steuert Verdauungsenzyme, Insulinsensitivität und Entzündungsparameter im Tagesverlauf.[16] Im Frühjahr verlängern sich die Tage messbar, und mit ihnen verschiebt sich das hormonelle Gleichgewicht. Melatonin sinkt, Cortisol steigt früher am Morgen an, der Stoffwechsel wird aktiver. Der Körper ist in dieser Jahreszeit von Natur aus bereiter für Entlastung und Veränderung als im Winter.

Nicht nur im Norden: Reinigung als universelles Frühjahrsprinzip

Was im germanischen Raum als Frühjahrsreinigung bekannt ist, findet sich in fast jeder Kultur der nördlichen Hemisphäre in irgendeiner Form. Das ist kein Zufall – es ist eine Antwort auf dieselbe biologische Realität: einen langen Winter, aufgebrauchte Reserven, die erste Wärme.

Im Ayurveda gilt das Frühjahr als die Zeit, in der sich angesammeltes Kapha – die Energie von Erde und Wasser, von Schwere und Langsamkeit – auflöst und ausgeschieden werden muss, damit der Körper in die leichtere Frühjahrsenergie wechseln kann. Die empfohlenen Mittel: Bitterkräuter, leichte Kost, warmes Wasser, Bewegung.[17] Die Parallele zur germanischen Kräutertradition ist klar erkennbar, obwohl die Systeme nie in Kontakt standen.

In der traditionellen chinesischen Medizin gehört das Frühjahr dem Element Holz und dem Organ Leber. Es ist die Zeit, in der Qi in Bewegung kommt – und in der Stagnation aus dem Winter gelöst werden muss. Bittere, aufsteigende Kräuter sind das Mittel der Wahl.[18] Auch hier: dieselbe Jahreszeit, dieselbe Richtung, dasselbe Prinzip.

Was das nahelegt: Der Impuls, das Frühjahr für eine Form von Reinigung zu nutzen, ist nicht kulturspezifisch, sondern tief in der Körpererfahrung des Menschen verankert. Die Traditionen haben ihn nur jeweils in ihrer eigenen Sprache beschrieben.

Exkurs Islam: Glück und Pech mit der Fastenzeit

2026 finden christliche Fastenzeit und muslimischer Ramadan fast zur selben Zeit statt. Das ist jedoch nicht immer so. Der muslimische Kalender ist ein Mondkalender, Deshalb wandert der Ramadan rund ums Jahr. Das macht in Regionen nahe am Äquator keinen großen Unterschied, weil die Tageslänge nicht allzu sehr variiert. Allerdings wird das Leben für gläubige Muslime nicht gerade leichter, je weiter sie im Norden oder Süden der Erdkugel siedeln. Der Ramadan gebietet nämlich einen strikten Verzicht auf Essen und Trinken von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang – 30 Tage lang. Das wird bei unseren Breitengraden schon schwierig, wenn der Ramadan in den Hochsommer fällt. Weiter nördlich gibt es aber Regionen, in denen die Sonne in den Tagen rund um die Sommersonnenwende gar nicht mehr untergeht.

Kambo in der Fastenzeit

Ob das Brennnessel-Tee im März ist, eine Fastenwoche, ein Kräuterspaziergang im Wald oder eine Kambô-Zeremonie – der Moment, in dem wir dem Körper erlauben loszulassen, folgt demselben inneren Kalender. Das Frühjahr macht es leichter. Nicht weil es mystisch wäre, sondern weil Licht, Temperatur und Hormonspiegel tatsächlich anders sind als im Januar. Die Form ist eine andere, das Prinzip ist jedoch vertraut: ein intensiver, körperlicher Reset, der Dinge auflöst, die sich über Monate angesammelt haben.

Nur eins solltest du nicht ohne Rücksprache mit deinem Practitioner tun: Strenges Fasten und Kambo kombinieren. Warum das so ist, erfährst du in einem anderen Artikel auf diesem Blog. Der heißt zwar „Was jeder Kambo-Klient über das Wassertrinken wissen sollte” und nicht etwas “Kambo und Fasten” – aber es geht dabei um den zugrundenliegenden Mechanismus im Körper.


Wer fastet, sollte keinen Kaffee trinken – Buy me a Coffee

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Quellen

[1] Montanari M. Der Hunger und der Überfluss. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa. C.H.Beck, 1993.

[2] Simek R. Lexikon der germanischen Mythologie. Kröner, 2006.

[3] Beda Venerabilis. De temporum ratione. 725 n. Chr. Kap. XV: De mensibus Anglorum.

[4] Blank-Mathieu M. Fastentraditionen im europäischen Vergleich. Zeitschrift für Volkskunde. 1998;94(1):1–22.

[5] Hildegard von Bingen. Physica. Ca. 1150–1160. Hrsg. von Reuss P. Anton H. Konrad Verlag, 1982.

[6] Kreuz A et al. Wild plant use in the early Neolithic of Central Europe. Veg Hist Archaeobot. 2005;14:441–449. doi: 10.1007/s00334-005-0080-0

[7] Sendl A et al. Allium ursinum: chemistry, pharmacology and medical use. Planta Med. 1992;58(1):1–7. doi: 10.1055/s-2006-961390

[8] Moosmann S et al. Vasodilatory properties of Allium ursinum extracts. Phytomedicine. 2022;99:154004. doi: 10.1016/j.phymed.2022.154004

[9] Lešnik M et al. Antimicrobial activity of wild garlic (Allium ursinum). Foods. 2022;11(11):1622. doi: 10.3390/foods11111622

[10] Teuscher E, Lindequist U. Biogene Gifte. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2010.

[11] Lauber K, Wagner G, Gygax A. Flora Helvetica. Haupt Verlag, 2018.

[12] González-Castejón M et al. Diverse biological activities of dandelion. Nutr Rev. 2012;70(9):534–547. doi: 10.1111/j.1753-4887.2012.00509.x

[13] Rutto LK et al. Mineral properties and dietary value of raw and processed stinging nettle. Int J Food Sci. 2013;2013:857120. doi: 10.1155/2013/857120

[14] Barreca D et al. Glechoma hederacea: ethnobotany, phytochemistry, biological activities. Plants. 2021;10(12):2699. doi: 10.3390/plants10122699

[15] Levine B, Kroemer G. Autophagy in the pathogenesis of disease. Cell. 2008;132(1):27–42. doi: 10.1016/j.cell.2007.12.018

[16] Longo VD, Panda S. Fasting, circadian rhythms, and time-restricted feeding in healthy lifespan. Cell Metab. 2016;23(6):1048–1059. doi: 10.1016/j.cmet.2016.06.001

[17] Lad V. Textbook of Ayurveda. Ayurvedic Press, 2002. Vol. 1.

[18] Maciocia G. The Foundations of Chinese Medicine. Elsevier, 2015. 3rd ed.

[19] Stephan H. Geschichte der Frankfurter Grünen Soße. stephanh.de. Abgerufen 2025. URL: stephanh.de/Frankfurt/Frankfurter-gruene-Sosse.html

[20] Lebensmittelmagazin.de. Frankfurter Grüne Soße – Sieben Kräuter müsst ihr sein. August 2023.

[21] Taste France Magazine. Grüne Soße vs. sauce verte – Wer hat’s erfunden? Eine Spurensuche. tastefrance.com. Abgerufen 2025.

[22] Pettit E (Ed./Transl.). Anglo-Saxon Remedies, Charms, and Prayers from British Library Ms Harley 585: The Lacnunga. Edwin Mellen Press, 2001.

[23] Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie e.V. Der Neunkräuterzauber, oder: Von der Magie der Medizin. vergleichende-mythologie.de. 2020.

[24] Jaenike D. Pflanzenmärchen aus aller Welt. Mutabor Verlag, 2012.

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