Panema: Die graue Regenwolke über unserem Kopf

Es gibt Momente im Leben, in denen nichts zu funktionieren scheint. Die Motivation ist weg, die Energie reicht nur für das Nötigste, Beziehungen fühlen sich zäh an. Projekte stocken, der Körper ist träge, und selbst einfache Dinge werden zur Anstrengung. Man ist nicht krank genug für eine Diagnose – aber auch nicht präsent genug, um wirklich im Leben zu sein. Im Amazonas gibt es dafür ein Wort: Panema.

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Wieder mal etwas längerer Disclaimer:

Ich bin weder Ärztin noch Heilpraktikerin. Dieser Artikel dient ausschließlich deiner allgemeinen Information und stellt keine medizinische Beratung, keine Diagnose und keine Therapieempfehlung dar. Die beschriebenen Konzepte und Anwendungen ersetzen in keinem Fall den Besuch bei einem Arzt oder Psychotherapeuten.

Bei Anzeichen einer psychischen Erkrankung – insbesondere bei depressiven Episoden, anhaltender Stimmungsbeeinträchtigung oder suizidalen Gedanken – ist professionelle Hilfe notwendig. Kambo und andere Amazonas-Medizinen sind keine Alternativen zu psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung und sollten bei vorliegenden psychischen Erkrankungen nur in Absprache mit behandelnden Medizinern und unter Begleitung eines zertifizierten Practitioners erwogen werden.

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Das Wort Panema stammt ursprünglich aus der Arawak-Sprache und wird von verschiedenen Amazonas-Völkern verwendet, darunter die Katukina, Ashaninka, Yawanawá und Matsés.[1] Die Übersetzungen variieren, aber die Beschreibungen des Zustands sind gleich: Panema ist eine negative Energie, die sich im Lauf der Zeit ansammelt.[2] Eine dichte, graue Wolke legt sich um eine Person und trennt sie von ihrer Lebendigkeit – Pech, Trägheit, Irritation, aber auch etwas Subtileres: eine Schicht, die fast unmerklich dämpft, blockiert, verlangsamt.[3]

Für die indigenen Völker des Amazonas, die auf Jagd, Gemeinschaft und körperliche Vitalität angewiesen sind, ist Panema eine ernste Angelegenheit. Ein Jäger mit Panema findet keine Beute. Eine Person mit Panema zieht Unglück an und wird von anderen gemieden. Panema beeinträchtigt nicht nur die individuelle Leistungsfähigkeit, sondern gefährdet das Überleben der Gemeinschaft.[4] Deshalb ist die Fähigkeit, Panema zu erkennen und zu entfernen, Teil des kulturellen Wissens dieser Völker.

Panema im urbanen Alltag

Das Konzept Panema reist gut. Die chronische Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf, die Unfähigkeit, Projekte zu Ende zu bringen, die schleichende Distanz zu Menschen, die einem eigentlich wichtig sind – das kennen auch wir im europäischen Stadtleben. Der Unterschied ist, dass wir keinen Namen dafür haben. Stattdessen verzetteln wir uns an der Oberfläche: schlechte Ernährung, zu wenig Sport, zu viel Bildschirm.

In unserer Sprache könnte man von energetischer Blockade, Stagnation oder chronischer Erschöpfung sprechen. Aber diese Übersetzungen erfassen nicht ganz, was Panema meint: weniger klinische Diagnose als existenzieller Zustand – ein Nicht-im-Fluss-Sein mit dem eigenen Leben. Das Gegenteil von Flow.

Und ähnlich wie man gegen fehlenden Flow nicht einfach anschwimmen kann, wird Panema in der Katukina-Tradition folgerichtig auch nicht als selbst verschuldet gesehen, sondern als etwas, das einfach passiert – wie Staub, der sich in Ecken ansammelt.[5] Die Frage ist nicht „Warum habe ich Panema?”, sondern „Was mache ich jetzt damit?” Wie bekommt man es wieder los?

Eine kurze diagnostische Einordnung

Bevor wir weitergehen: Es lohnt sich, kurz zu klären, auf welchem Terrain wir uns bewegen – nicht um zu diagnostizieren, sondern um Panema von klinischen Krankheitsbildern abzugrenzen.

Eine depressive Verstimmung ist zeitlich begrenzt, hat erkennbare Auslöser und löst sich von selbst. Sie ist menschlich und normal.

Eine depressive Episode nach ICD-11 (Code 6A70) ist eine eigenständige Erkrankung mit klaren Kriterien: gedrückte Stimmung, Interessenverlust oder Freudlosigkeit, Erschöpfung – mindestens fünf Symptome, mindestens zwei Wochen anhaltend, mit spürbarer Beeinträchtigung in Alltag, Arbeit und Beziehungen.[6] Sie braucht professionelle Begleitung.

Daneben kennt die ICD-11 die Dysthymia (Code 6A72): eine chronisch gedämpfte Grundstimmung, die mindestens zwei Jahre anhält, ohne dass in diesen ersten zwei Jahren je eine vollständige depressive Episode auftritt.[7] Betroffene halten diesen Zustand oft für ihr persönliches Temperament. Er fühlt sich irgendwann so vertraut an, dass er gar nicht als krank wahrgenommen wird. Bevölkerungsstudien zeigen Lebenszeitprävalenzen zwischen 1,1 % und 6,4 %.[8]

Panema bewegt sich in einem ähnlichen, aber doch anderen Raum: Es ist ein kulturelles Modell, keine Diagnose. Es beschreibt diffuse Zustände unterhalb jeder klinischen Schwelle – und das mit einer Genauigkeit, die unsere Medizin nicht hat. Es gibt keinen ICD-Code für „ist irgendwie nicht er selbst” oder „läuft seit Monaten auf Sparflamme”.

Was im Körper passiert: die neurobiologische Entsprechung

Man muss nicht an Energien oder spirituelle Konzepte glauben, um Panema als nützliches Modell zu verstehen. Was die Katukina als graue Wolke beschreiben, hat neurobiologische Entsprechungen.

Chronischer Stress aktiviert dauerhaft die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) – das zentrale Stressregelungssystem des Körpers. Das Ergebnis: anhaltend erhöhte Kortisolspiegel, die Entzündungsmarker hochregulieren, das Nervensystem in einem Zustand permanenter Alarmbereitschaft halten und die Vagusnerv-Aktivität dämpfen.[9] Chronischer Stress interagiert dabei mit Entzündungsprozessen und kann strukturelle Veränderungen in Hirnregionen bewirken, die für emotionale Regulation und kognitive Funktion zuständig sind.[10]

Das ist die Neurobiologie von jemandem, der „läuft, aber irgendwie nicht wirklich fliegt”. Kein Arzt vergibt dafür einen Code. Aber der Körper zeigt etwas und das Amazonas-Konzept hat dafür seit Jahrhunderten einen Namen.

Kein Wunder also, dass der Amazonas für genau diesen Zustand ein eigenes Werkzeugrepertoire entwickelt hat.

Kambo als traditionelles Mittel gegen Panema

Für die Katukina und andere Amazonas-Völker ist Kambo das primäre Werkzeug, um Panema zu entfernen.[11] Kambo bewirkt eine intensive körperliche Reinigung – Purging durch Erbrechen, intensives Schwitzen, manchmal Durchfall. Aus indigener Sicht werden dabei nicht nur körperliche Abfallstoffe ausgeschieden, sondern auch Panema selbst.[12]

Katukina-Männer nehmen Kambo traditionell an Armen und Brust, Frauen an den Beinen – beide, um Panema zu vertreiben und die Körperkraft wiederherzustellen.[13] Die Katukina wenden Kambo regelmäßig über ihr ganzes Leben an – kein Notfalleingriff, sondern Teil eines präventiven Gesundheitssystems.[14]

Auch Rapé zur mentalen Reinigung und Erdung[15] sowie Sananga – ein Augentropfen aus Tabernaemontana-Wurzel, den die Yawanawá explizit gegen Panema einsetzen[16] – haben in diesem System ihren Platz. Jedes dieser Mittel arbeitet auf einer anderen Ebene, und alle kennen diesen Zustand, für den wir noch keinen Namen hatten.

Was Menschen berichten – und wie wir das einordnen

Was Menschen nach einer Kambo-Zeremonie beschreiben, wenn sich Panema löst, klingt ähnlich: Der Nebel lichtet sich, Entscheidungen werden klarer, die Schwere weicht. Nicht als euphorisches High, sondern als Rückkehr zu einem verfügbaren Energieniveau. Projekte, die monatelang lagen, werden angegangen. Die Distanz zu anderen Menschen verringert sich.[17]

Diese Veränderungen setzen nicht immer sofort ein – manchmal braucht es Tage oder mehrere Zeremonien. Und manchmal wird erst sichtbar, was unter der Panema-Wolke verborgen lag – was dann weitere Integration erfordert.

Kontrollierte klinische Studien zu Kambo beim Menschen sind noch rar.[18] Was in Laborstudien gut dokumentiert ist: Die Peptide im Kambo-Sekret wirken auf zahlreiche Rezeptorsysteme – gastrointestinal, kardiovaskulär, auf das Immunsystem und auf das endogene Opioidsystem.[18] Beim Purging ist der Vagusnerv beteiligt, der zehnte Hirnnerv, der Darm und Gehirn verbindet.[18] Ob und wie diese physiologischen Effekte systematisch zu den von Nutzenden beschriebenen Verbesserungen beitragen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend untersucht.

Das macht die Erfahrungsberichte nicht weniger real, sondern bedeutet lediglich, dass wir vorsichtig sein sollten – sowohl bei dem, was wir behaupten, als auch bei dem, was wir ausschließen.

Zwei Sprachen – eine Wirklichkeit?

Was die Katukina als graue Wolke beschreiben und mit Kambo behandeln, lässt sich also nicht bruchlos in die Sprache der Neurowissenschaft übersetzen – es gibt Überschneidungen, aber keine vollständige Deckung. Die indigene Sicht benennt ein Phänomen, für das unsere Medizin noch keinen Code hat. Die wissenschaftliche Sicht erklärt bestimmte körperliche Prozesse, ohne das Gesamtphänomen vollständig zu erfassen. Beides beschreibt Wirklichkeit, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Wenn man die Gelegenheit hat, zwei so unterschiedliche Wissenssysteme nebeneinander zu halten, ist es am Ende oft ratsam, beiden zuzuhören.

Wann Kambo nicht der richtige Weg ist

Klinische Depression, Psychosen, schwere Angststörungen, Suizidalität oder andere ernste psychische Erkrankungen sind kontraindizierte Zustände für Kambo als alleinige oder primäre Intervention. In solchen Situationen gehören Kambo und andere Amazonas-Medizinen in einen integrativen Kontext mit therapeutischer Begleitung – nie an die Stelle professioneller Behandlung.

Auch körperliche Kontraindikationen müssen beachtet werden: Herzerkrankungen, Epilepsie, Schwangerschaft, bestimmte Medikamente, etc. schließen Kambo aus. Das Screening vor einer Zeremonie ist deshalb ein zentraler Bestandteil ethischer IAKP-Praxis.

Wenn du unsicher bist, ob Kambo für dich geeignet ist: Sprich mit deinem Arzt – und dann mit mir.



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Quellen

[1] Lima, E.C. & Labate, B.C. (2008). Remédio da Ciência and Remédio da Alma: Two Pathways to Health in the Context of the Brazilian Ayahuasca Religion.

[2] Lattanzi, G. (2013). Kambô: Scientific Research and Healing Treatments.

[3] Amorawa (2025). Kambo – Kultur und Konzept. amorawa.net/en/kambo/

[4] Socioambiental.org – Povos Indígenas no Brasil: Katukina Pano. pib.socioambiental.org

[5] Lattanzi (2013), ebd.

[6] WHO (2022). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6A70 Single episode depressive disorder. who.int/classifications/icd/en/

[7] WHO (2022). ICD-11: 6A72 Dysthymic disorder. icd.who.int

[8] Kasyanov et al. (2025). Lifetime Prevalence of Recurrent and Persistent Depression: A Scoping Review of Epidemiological Studies. Clinical Practice and Epidemiology in Mental Health. doi: 10.2174/17450179372815

[9] Slavich, G.M. & Irwin, M.R. (2014). From stress to inflammation and major depressive disorder: A social signal transduction theory of depression. Psychological Bulletin, 140(3), 774–815. doi: 10.1037/a0035302

[10] Rasheed, N. et al. (2025). Chronic Stress-Associated Depressive Disorders: The Impact of HPA Axis Dysregulation and Neuroinflammation on the Hippocampus – A Mini Review. Int. J. Mol. Sci., 26(7), 2940. doi: 10.3390/ijms26072940

[11] Waking Herbs (2024). The Katukina People. wakingherbs.com/the-katukina-people-pano/

[12] Kambo Clarity (2024). History and Harvesting. kamboclarity.com/history

[13] Socioambiental.org – Povos Indígenas no Brasil: Katukina Pano.

[14] Ayahuasca.com (2022). Kambô, The Spirit of the Shaman. ayahuasca.com/psyche/kambo-the-spirit-of-the-shaman/

[15] Shamanic Supply (2024). Was ist Rapé (Hapé) Medizin? Yawanawá, Katukina, Nukini traditions. shamanicsupply.com

[16] Shaman’s Cave (2024). Sananga – Sacred Eye Drops of the Amazon. Yawanawá use against panema. shamanscave.co.uk

[17] Erfahrungsberichte von Kambo-Klientinnen und -Klienten: keine zitierfähige Primärliteratur; Angaben basieren auf retrospektiven Nutzenden-Berichten.

[18] Thompson, C. & Williams, M.L. (2022). Review of the physiological effects of Phyllomedusa bicolor skin secretion peptides on humans receiving Kambô. Journal of Psychedelic Studies, 6(1), 1–16. doi: 10.1177/23978473221085746

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