„Tierische“ Heilmittel zwischen Tradition und moderner Medizin

Medicines from Animals

Lange bevor Wirkstoffe im Labor synthetisch nachgebaut wurden, nutzte der Mensch schon tierische Sekrete, Gifte und Gewebe zu medizinischen Zwecken. Was über Jahrtausende in traditionellen Heilsystemen praktiziert wurde, schlägt nun neue Kapitel in der evidenzbasierten Medizin auf. 

Wir schauen uns an, was diese Stoffe leisten können, wo die Wirkung bereits wissenschaftlich erwiesen ist – und wo Tradition auf ethische und ökologische Grenzen stößt.

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Dieser Artikel dient ausschließlich deiner Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung und macht keine Heilversprechen. Die Anwendung nicht-zugelassener Substanzen erfolgt auf eigene Verantwortung.

Vom Schneckengift zum Medikament

Im westlichen Pazifik lebt die kleine Kegelschnecke Conus magus, der „Zauberkegel” [1]. Ihre Zähne setzt sie als giftige Harpunen bei der Jagd, aber auch zur Verteidigung gegen Feinde ein. Im Giftcocktail enthalten ist ein Peptid von außerordentlicher Potenz: Ziconotide ist etwa 1000-mal stärker als Morphin [2] und wurde 2004 von der FDA unter dem Handelsnamen Prialt® zugelassen [3]. Keine einzige Aminosäure des Peptids wurde dafür verändert [4].

Ziconotide ist nicht das einzige Beispiel dieser Art. Exendin-4, ein Peptid aus dem Speichel der Gila-Krustenechse, ist als Exenatide zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen [5]. Tirofiban, basierend auf einem Peptid aus dem Gift der Sandrasselotter, wird als Thrombozytenaggregationshemmer eingesetzt [6]. Und Captopril, ein ACE-Hemmer zur Blutdruckbehandlung, wurde von Peptiden aus dem Gift der brasilianischen Lanzenotter inspiriert [7].

Was wir daraus mitnehmen können? Tierische Peptide sind eine ergiebige Quelle für hochpotente Wirkstoffe – wenn sie den langen, kostspieligen Weg durch präklinische und klinische Studien bis zur Zulassung meistern.

Peptide – da war doch was….

Spätestens, wenn du den Artikel Kambo und das Immunsystem: Was wir wissen und was noch erforscht wird hier auf diesem Blog gelesen hast, wird dir der Begriff „Peptid“ bereits bekannt sein. Peptide spielen in der modernen Wirkstoffforschung eine große Rolle. Sie sind aber nicht die einzigen kleinen Moleküle tierischen Ursprungs. Neben ihnen kommen vor allem Proteine, Glykoproteine, Polysaccharide und Lipide aus dem Tierreich als Arzneistoffe zum Einsatz [8]. Auch Steroide [9], Enzyme und einzelne niedermolekulare Verbindungen wie Terpene [10] spielen eine Rolle.

Alkaloide sind im Tierreich deutlich seltener zu finden, als in Pflanzen und Pilzen, kommen aber ebenfalls vor. Bufotenin ist ein bekanntes Beispiel [11]. Das Alkaloid aus der Gruppe der Tryptamine ist strukturell eng verwandt mit Serotonin und DMT und entstammt den Hautdrüsen verschiedener Krötenarten wie Bufo alvarius (heute Incilius alvarius).

Persönlich habe ich es in meiner Arbeit fast nur mit Peptiden zu tun. Die Wirkstoffe des Sekrets des Kambo-Frosches, wie auch das Gift meiner Bienen fallen in diese Kategorie. Auch wenn ich mir letzteres selten freiwillig verabreichen lasse. In beiden Fällen sind es verschiedene Peptide, die als komplexes Gemisch wirken [12]. Sie wirken möglicherweise synergistisch, aber welches Peptid für welchen Effekt verantwortlich ist, lässt sich schwer isolieren [13].

Beide Substanzen – Kambo und Bienengift – bewegen sich damit in einem rechtlichen und wissenschaftlichen Graubereich. Sie sind keine zugelassenen Medikamente, aber auch keine bloßen Placebos. Die Wirkungen sind im Labor dokumentiert – aber der Schritt zur evidenzbasierten Medizin fehlt.

Apitherapie: Schmerzfrei durch Bienenstiche


Apitherapie ist keine neue Idee. Schon im alten Ägypten und bei Hippokrates tauchen Hinweise auf die Heilwirkung des Bienengifts auf [14] – und Imker galten jahrhundertelang als bemerkenswert frei von Gelenkbeschwerden. Ob Zufall oder nicht: Diese Beobachtung war der Startschuss für ernsthaftere Untersuchungen.

Bienengift enthält ähnlich wie Kambo eine komplexe Mischung bioaktiver Peptide [15]: 

– Melittin macht 40–50 % des Trockengewichts aus und zeigt entzündungshemmende und antimikrobielle Eigenschaften [16]
– Apamin beeinflusst Calciumkanäle [17]
– Adolapin wirkt schmerzlindernd [18]

Mehrere Studien haben Effekte bei rheumatoider Arthritis und möglicherweise auch bei Multipler Sklerose gezeigt [19]. Die Evidenz basiert jedoch überwiegend auf kleineren Studien.

Heute gibt es mehrere Wege, Bienengift zu erhalten – mit sehr unterschiedlichem Charakter. Der direkteste ist der lebende Stich: Die Biene wird mit einer Pinzette geführt und setzt ihr Gift gezielt an bestimmten Körperstellen ab. Schmerzhaft, unkontrollierbar dosiert, aber nah am natürlichen Ursprung. Daneben existieren elektrische Reizplatten, auf denen Bienen landen und durch einen schwachen Stromimpuls zum Stechen gebracht werden – das Gift wird auf einer Membran gesammelt, getrocknet und als Rohextrakt weiterverarbeitet [20]. Dieses Apitoxin lässt sich dann als Injektion, Creme oder Akupunkturpräparat applizieren – mit dem Vorteil der Dosierbarkeit, aber dem Verlust des lebendigen Kontexts. Welcher Weg der richtige ist, hängt – wie so oft in diesem Feld – von der Person, der Indikation und der Risikobereitschaft ab [19]. Insbesondere bei Selbstversuchen ist Vorsicht geboten: Allergische Reaktionen sind möglich, in seltenen Fällen mit Anaphylaxie.

Fakt ist jedoch: Sticht die Biene durch die Haut, reißt sie sich dabei den gesamten Stechapparat aus dem Leib und stirbt kurze Zeit später daran. Und da ist sie nicht das einzige Tier, das bei der Gewinnung heilversprechender Substanzen leiden muss…

Traditionelle Chinesische Medizin: Wenn Tradition zur Bedrohung wird

Während Kambo und Bienengift zumindest das Potenzial haben, durch weitere Forschung in die evidenzbasierte Medizin zu gelangen, ist das Problem mit tierischen Wirkstoffen in der traditionellen chinesischen Medizin ganz anders gelagert.

Die TCM nutzt mehrere hundert tierische Arten als Heilmittel, von denen 98 der 616 in der aktuellen Pharmakopöe gelisteten Ingredienzien tierischen Ursprungs sind [20]. Die Liste der Tiere liest sich wie ein Katalog bedrohter Arten. Allein der globale Handel mit Seepferdchen überschreitet 20 Millionen getrocknete Exemplare pro Jahr [21] – eingesetzt bei Beschwerden von Asthma bis Impotenz, ohne wissenschaftlich belegte Wirksamkeit. Bärengalle, extrahiert aus lebenden Tieren auf speziellen Farmen, wird gegen Lebererkrankungen eingesetzt. Allein in China wurden bis zu 10.000–12.000 Asiatische Schwarzbären unter Bedingungen gehalten, die schweres chronisches Leiden verursachen [22]. Zwischen 2008 und 2018 importierte China 36 Arten ohne vorherige Erwähnung in offiziellen TCM-Texten, darunter über 2.000 kg Seepferdchen und über 21.000 kg Pangolin-Schuppen [22].

Das zentrale Problem ist nicht, dass diese Praktiken alt sind. Es ist, dass klinische Evidenz für die meisten Anwendungen fehlt [20], während ganze Arten bedroht werden und massives Tierleid entsteht.

Und doch gibt es auch hier Bewegung: Die wissenschaftliche Untersuchung einzelner Wirkstoffe eröffnet neue Wege. Auch in China wären 89 % der befragten TCM-Konsumenten bereit, pflanzliche Alternativen zu nutzen – und 80 % der TCM-Ärzte, diese zu verschreiben [22].

Als Kambo-Practitioner bei der IAKP sind wir da schon einen Schritt weiter. Wir haben jederzeit Zugriff auf ethisch gewonnene Kambo-Sticks, bei denen wir sicher sein können, dass der Frosch dabei nicht zu Schaden gekommen ist. Möglich macht dies eine Kooperative mit dem Volk der Matsés, die wir seit Jahren unterhalten. Für diese Menschen (wie auch für uns) ist der Frosch mehr als nur ein Lieferant für tierische Produkte. Er ist ein verbündeter Geist, der Ihnen selbst beigebracht hat, wie sie sich mit seiner Hilfe heilen können – inklusive der korrekten „Erntemethoden“ für sein Sekret.

Zwischen Potential und Verantwortung

Die Geschichte tierischer Substanzen in der Medizin zeigt drei verschiedene Wege. Ziconotide repräsentiert den wissenschaftlichen Goldstandard: Von der Entdeckung über präklinische und klinische Studien bis zur Zulassung und kontrollierten Anwendung. Dieser Weg ist teuer, langwierig und nicht für alle Substanzen gangbar – aber er liefert Sicherheit, Wirksamkeit und standardisierte Dosierung.

Die TCM-Praktiken mit tierischen Produkten legen offen, wohin unkritische Traditionstreue führen kann: zu ökologischer Zerstörung, ethisch unhaltbarem Tierleid und dem Festhalten an Praktiken ohne wissenschaftliche Grundlage. Die Herausforderung liegt darin, traditionelles Wissen zu respektieren, ohne Tradition über Evidenz, Ethik und Nachhaltigkeit zu stellen.

Kambo und Bienengift stehen irgendwo dazwischen. Die Forschung zu ihren Peptiden ist vielversprechend, die traditionelle Anwendung hat eine lange Geschichte, aber kontrollierte klinische Studien fehlen. Menschen, die mit diesen Substanzen arbeiten, navigieren zwischen empirischem Wissen und wissenschaftlicher Unsicherheit. Das kann funktionieren, erfordert aber Vorsicht, Ehrlichkeit über Limitationen und die Bereitschaft, von individuellen Erfahrungen zu lernen, ohne sie zu universalisieren.

Die Zukunft liegt vermutlich in einer Synthese: Lernen von der Natur, wissenschaftliche Prüfung, Entwicklung synthetischer oder nachhaltiger Alternativen, und ethische Verantwortung gegenüber Tieren und Ökosystemen. Erfolgreiche Beispiele haben gezeigt, dass dieser Weg möglich ist. Die Aufgabe besteht darin, ihn auch für andere vielversprechende Substanzen zu gehen – oder ehrlich zu sagen, wenn er nicht gangbar ist.

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Quellen

[1] Olivera BM, Goetz A, Watkins M et al. (2023). Coordinated adaptations define the ontogenetic shift from worm- to fish-hunting in a venomous cone snail. Nature Communications, 14, 3578. https://doi.org/10.1038/s41467-023-38924-5

[2] Rauck RL, Wallace MS, Leong MS et al. (2006). A randomized, double-blind, placebo-controlled study of intrathecal ziconotide in adults with severe chronic pain. Journal of Pain and Symptom Management, 31(5), 393–406. https://doi.org/10.1016/j.jpainsymman.2005.10.003

[3] Staats PS, Yearwood T, Charapata SG et al. (2004). Intrathecal ziconotide in the treatment of refractory pain in patients with cancer or AIDS: A randomized controlled trial. JAMA, 291(1), 63–70. https://doi.org/10.1001/jama.291.1.63

[4] Olivera BM, Newcomb R, Bhatt DL et al. (2018). Pain therapeutics from cone snail venoms: From Ziconotide to novel non-opioid pathways. Biochemical Pharmacology, 151, 116–125. https://doi.org/10.1016/j.bcp.2017.12.023

[5] Drucker DJ, Nauck MA (2006). The incretin system: glucagon-like peptide-1 receptor agonists and dipeptidyl peptidase-4 inhibitors in type 2 diabetes. The Lancet, 368(9548), 1696–1705. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(06)69705-5

[6] Scarborough RM, Naughton MA, Teng W et al. (1993). Design of potent and specific integrin antagonists. Peptide antagonists with high specificities for glycoprotein IIb-IIIa. Journal of Biological Chemistry, 268(2), 1066–1073. https://doi.org/10.1016/S0021-9258(18)54040-6

[7] Ferreira SH, Bartelt DC, Greene LJ (1970). Isolation of bradykinin-potentiating peptides from Bothrops jararaca venom. Biochemistry, 9(12), 2583–2593. https://doi.org/10.1021/bi00815a005

[8] Craik DJ, Fairlie DP, Liras S, Price D (2013). The future of peptide-based drugs. Chemical Biology & Drug Design, 81(1), 136–147. https://doi.org/10.1111/cbdd.12055

[9] Hofmann AF (1999). Bile acids: The good, the bad, and the ugly. News in Physiological Sciences, 14, 24–29. https://doi.org/10.1152/physiologyonline.1999.14.1.24

[10] Thayer AM (2011). Enzymes at work. Chemical & Engineering News, 89(5), 28–34. https://doi.org/10.1021/cen-v089n005.p028

[11] Daly JW, Spande TF, Garraffo HM (2005). Alkaloids from amphibian skin: A tabulation of over eight-hundred compounds. Journal of Natural Products, 68(10), 1556–1575. https://doi.org/10.1021/np0580560

[12] Keppel Hesselink JM (2018). Kambo and its multitude of biological effects: adverse events or pharmacological effects? International Archives of Clinical Pharmacology, 4(1). https://doi.org/10.23937/2572-3987.1500017

[13] Thompson C, Williams ML (2022). Review of the physiological effects of Phyllomedusa bicolor skin secretion peptides on humans receiving Kambô. Journal of Psychedelic Studies, 6(1), 3–16. https://doi.org/10.1177/23978473221085746

[14] Cherniack EP, Goyal RN (2016). Apitherapy. In: Biotherapy – History, Principles and Practice. Springer, Dordrecht. https://doi.org/10.1007/978-94-007-6585-6_4

[15] Dotimas EM, Hider RC (1987). Honeybee venom. Bee World, 68(2), 51–70. https://doi.org/10.1080/0005772X.1987.11098915

[16] Lee G, Bae H (2016). Anti-inflammatory applications of melittin, a major component of bee venom: detailed mechanism of action and adverse effects. Molecules, 21(5), 616. https://doi.org/10.3390/molecules21050616

[17] Kuzmenkov AI, Peigneur S, Nasburg JA et al. (2022). Apamin structure and pharmacology revisited. Frontiers in Pharmacology, 13, 977440. https://doi.org/10.3389/fphar.2022.977440

[18] Shkenderov S, Koburova K (1982). Adolapin – a newly isolated analgetic and anti-inflammatory polypeptide from bee venom. Toxicon, 20(1), 317–321. https://doi.org/10.1016/0041-0101(82)90234-3

[19] Jang MH, Shin MC, Lim S et al. (2003). Bee venom induces apoptosis and inhibits expression of cyclooxygenase-2 mRNA in human lung cancer cell line NCI-H1299. Journal of Pharmacological Sciences, 91(2), 95–104. https://doi.org/10.1254/jphs.91.95 — sowie: Lee JD, Park HJ, Chae Y, Lim S (2005). An overview of bee venom acupuncture in the treatment of arthritis. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, 2(1), 79–84. https://doi.org/10.1093/ecam/neh070

[20] Chen J, Guan SM, Sun W, Fu H (2022). Pharmacological effects and mechanisms of bee venom and its main components: Recent progress and perspective. Frontiers in Pharmacology, 13, 1001553. https://doi.org/10.3389/fphar.2022.1001553

[19] Cherniack EP, Goyal RN (2016). Apitherapy. In: Biotherapy – History, Principles and Practice. Springer, Dordrecht. https://doi.org/10.1007/978-94-007-6585-6_4

[20] Chen J, Guan SM, Sun W, Fu H (2022). Pharmacological effects and mechanisms of bee venom and its main components: Recent progress and perspective. Frontiers in Pharmacology, 13, 1001553. https://doi.org/10.3389/fphar.2022.1001553

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