Jedes Jahr dasselbe. Es summt irgendwo. Ein Nest – unter dem Dach, im Rollladenkasten, hinter der Fassade. Und das erste Gefühl ist: Das muss weg. Muss es meistens nicht. Und darf es rechtlich oft nicht. Ein kleines Plädoyer mit praktischen Tipps zum Zusammenleben.
Wespen, Hummeln, Hornissen: Jetzt fliegen sie wieder
Jetzt, im Frühjahr, erwacht ein Heer von summenden Majestäten – und sucht einen Nistplatz. Rollladenkästen, Dachböden, Hohlräume in Fassaden. Alles, was Schutz bietet. Wenn du in diesen Wochen eine einzelne Wespe oder Hummel beobachtest, die immer wieder an derselben Stelle ein- und ausfliegt, siehst du wahrscheinlich eine Königin beim Nestbau.
Gut, wenn dir das jetzt schon auffällt. Das entstehende Nest ist noch winzig. Wenn der Standort ungünstig ist, kannst du jetzt noch mit sanften Abschreckungsmaßnahmen arbeiten, zum Beispiel mit Flatterbändern. Wer seinen Rollladen regelmäßig bewegt, macht den Rollladenkasten ungemütlich. Vielleicht überlegt die Königin es sich ja noch mal – bei Lärm und Vibration gar nicht so unwahrscheinlich.
Es lohnt sich also wirklich, hier genau hinzusehen. Wenn das Nest nämlich erst einmal da ist, brauchst du einen wirklich guten Grund, die brütenden Tiere jetzt noch zu stören – und die Hilfe von Fachleuten.
Geschützt aus gutem Grund
Wespen, Hummeln und Hornissen sind in Deutschland nach §§ 39 und 44 Bundesnaturschutzgesetz geschützt.[1] Nester dürfen weder zerstört noch die Tiere ohne vernünftigen Grund getötet werden. Wer ein Nest mutwillig zerstört oder ausräuchert, begeht eine Ordnungswidrigkeit – mit Bußgeldern bis zu 10.000 Euro für häufige Wespenarten und bis zu 50.000 Euro für besonders geschützte Arten wie Hornissen.[2]
Denn diese Tiere sind für unser Ökosystem unverzichtbar. Eine einzige Wespenkolonie fängt im Laufe einer Saison mehrere Kilogramm Insekten – darunter viele, die sonst Gärten und Felder befallen würden.[3] Hornissen sind so effektiv, dass sie eigens besonders geschützt sind: Ein Hornissenvolk trägt täglich rund ein halbes Kilogramm Insekten als Beute ins Nest ein.[4] Sie räumen auf, ohne dass es jemand bemerkt.
Aber vielleicht gelingt es mir ja, dir das Zusammenleben etwas schmackhafter zu machen. Vorausgesetzt, Allergien oder kleine Kinder stehen dem nicht im Weg.
Wespen: Nicht alle sind gleich
Kurzkopfwespen
Deutsche Wespe (Vespula germanica) und Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) – das sind die, die den Wespen insgesamt ihren schlechten Ruf eingebrockt haben. Sie bauen große Kolonien mit bis zu zehntausend Tieren, nisten unterirdisch oder versteckt in Hohlräumen – daher auch der Name Erdwespen – und zeichnen sich im August und September durch einen erheblichen Appetit auf Süßes und Fleischhaltiges aus.[5] Ihre Nester werden oft erst durch den Flugverkehr am Eingang sichtbar, wenn die Kolonie längst eine stattliche Größe erreicht hat. Wenn du das Nest sehen kannst und das Äußere ist eher wölkchenförmig strukturiert, dann hast du es wahrscheinlich mit dieser Sorte zu tun.
Langkopfwespen
Sächsische Wespe (Dolichovespula saxonica), Mittlere Wespe (Dolichovespula media) und Waldwespe haben kein Interesse an deinem Kuchen. Sie haben einen kurzen Lebenszyklus, kleine Völker von meist 100 bis 350 Tieren, und legen ihre Nester an eher zugänglichen, oft sichtbaren Stellen an. Ihre Nester sind häufig bereits Mitte August ausgestorben. Die grauen, wie gewickelt aussehenden Nester der Sächsischen Wespe finden sich oft in Dachböden oder Schuppen. Als einzige Art baut die seltene Mittlere Wespe ihre Nester freihängend in Büschen oder an Gebäuden.[5]
Meine eigene Geschichte mit Wespen und Co. begann übrigens auch mit dem Satz: „Das muss hier weg!” Das fragliche Langkopfwespennest befand sich direkt über unseren Köpfen auf der Veranda unseres Sommerhauses. Am Ende haben wir nichts unternommen und leben seitdem jedes Jahr in friedlicher Koexistenz mit den umtriebigen Wespen in der Wand.
Große Wespen: Hornissen
Hornissen sind auch Wespen. Vespa crabro, die Europäische Hornisse, ist die größte heimische Wespenart und steht unter besonderem Schutz.[2] Ihr Ruf ist unverdient schlecht. Sie ist sehr friedfertig, solange man ihr Nest in Ruhe lässt, und nachtaktiv genug, um den meisten Menschen gar nicht erst aufzufallen. Die großen Brummer machen zwar ziemlich viel Lärm, gehen unnötigen Konflikten aber lieber aus dem Weg.
Wir haben mittlerweile zwei Hornissenkästen auf unserem Gelände, die hoffentlich auch dieses Jahr wieder bewohnt sind. Ein weniger bekannter Nachteil von Hornissennestern ist übrigens: Sie sind nicht stubenrein. Wer ein Hornissennest auf dem Dachboden hat, ist gut beraten, ein Katzenklo darunter aufzustellen. Hornissen machen es sich nämlich einfach und nutzen den Boden unter dem Nest als Klo.
Vespa velutina: unwillkommene Exotin
2004 in Frankreich eingeschleppt, 2014 erstmals in Deutschland nachgewiesen, breitet sie sich seitdem mit einer Geschwindigkeit von knapp 80 Kilometern pro Jahr aus.[6] Seit März 2025 gilt sie in Deutschland offiziell als etabliert – die Ausrottungspflicht ist aufgehoben, das Land ist in eine Managementphase übergegangen.[7]
Für uns Imker ist die Velutina bad news. Sie positioniert sich nämlich gerne vor Bienenstöcken und fängt heimkehrende Sammlerinnen ab. Schon fünf lauernde Tiere versetzen ein Volk in Stress. Bei zehn stellen viele Völker den Sammelflug nahezu ein. Ohne Sammelflüge kein Honig, kein Futter, keine Bienen.[8]
Velutinas bauen erst Primärnester auf Kopfhöhe an ähnlichen Standorten wie andere Wespen. Später ziehen sie in ein Sekundärnest um, das weit oben in den Kronen der Bäume hängt. Dort ist es schwer zu finden und noch schwerer zu bekämpfen. Frühe Meldungen im Primärstadium sind da Gold wert. Wer ein Tier sichtet: Foto machen, Standort notieren, mich anrufen. Vielen Dank!
Nest im Haus: Umsiedlung oder Zusammenleben?
Nun ist das Kind also in den Brunnen gefallen und du entdeckst im Hochsommer plötzlich, dass du nicht allein bist. Wenn die Situation wirklich schwierig ist – Nest direkt am Hauseingang, Allergie eines Familienmitglieds, kleine Kinder – dann ist vielleicht eine Umsiedlung die beste Lösung.
Das ist jedoch etwas grundsätzlich anderes, als der Versuch, einen Schädlingsbekämpfer zu finden, der das Problem illegal für dich löst. Da du auf diesem Blog gelandet bist und meine Themen dich interessieren, stelle ich einfach mal die Vermutung in den Raum, dass du ein ähnliches Ideal vom Leben im Einklang mit der Natur hast. Da passt der Schädlingsbekämpfer nicht ins Konzept.
Tatsächlich greifst du dabei vermutlich auch tiefer in die Tasche, als du müsstest. Eine Umsiedlung durch eine sachkundige Person kommt oft günstiger. Dafür rufst du entweder bei der unteren Naturschutzbehörde oder beim örtlichen Imkerverein an. Denn – Überraschung! – Umsiedler sind oft Imker. Wir sind den Umgang mit aufgebrachten Insekten nämlich schon gewohnt und haben außerdem praktischerweise die passende Schutzkleidung im Schrank.
Warum ich nicht umsiedle, aber trotzdem helfen kann
Umsiedlungen darf nur durchführen, wer bei der unteren Naturschutzbehörde als sachkundige Person gelistet ist. Ich habe zwar die entsprechende Ausbildung, nicht jedoch das Equipment, das notwendig ist, um ein großes Nest sicher umzuziehen. Dazu braucht man so exotische Gegenstände wie umgebaute Staubsauger und einiges mehr, das ich einfach (noch) nicht besitze.
Aber ich berate. Ich helfe dir zu verstehen, was du vor dir hast, was es braucht und was nicht. Oft reicht dafür ein einziges Telefonat. Im Norden von Berlin kann ich auch vorbeikommen und mir vor Ort ein Bild machen. Was mich dabei freut: In den allermeisten Fällen, die ich beraten habe, durfte das Nest bleiben. Ein Nest, das in Ruhe gelassen wird, ist selten ein Problem. Es gibt nämlich ein paar Dinge, die wirklich helfen:
Wäschekorb über den Eingang. Hummelnest im Mäusebau? Ein einfacher Wäschekorb über dem Eingang lenkt den Flugverkehr um – die Erdhummeln finden ihren Weg, Menschen treten nicht mehr versehentlich hinein. Klingt provisorisch. Funktioniert. Wurde sogar schon in Kindergärten erfolgreich ausprobiert.
Bettlaken als Sichtschutz. Manchmal reicht es, das Nest aus dem Blickfeld zu nehmen. Ein Tuch, ein Stück Stoff, ein Rankgitter – was auch immer zwischen Mensch und Nest gespannt werden kann. Was man nicht sieht, erzeugt keinen Stress. Und weniger Stress bedeutet weniger Konfrontation auf beiden Seiten.
Ablenkungsfütterung. Im Spätsommer, wenn die Wespen auf Süßes aus sind: eine kleine Schale mit überreifen Früchten weit weg vom eigenen Tisch aufstellen. Keine Dauerlösung, aber für einen Nachmittag auf der Terrasse reicht es oft.[9]
Duft statt Panik. Lavendel, Minze, Nelken – Wespen mögen diese Gerüche nicht. Im Freien ist die Wirkung begrenzt, auf der Fensterbank kann es helfen, den Bereich weniger attraktiv zu machen.[10]
Eingänge abdichten. Im Herbst, wenn das Nest sicher verlassen ist: Hohlräume verschließen. Das Nest selbst wird nicht wiederbesiedelt – aber derselbe Ort zieht im nächsten Frühjahr neue Königinnen an.
Was nicht unbedingt funktioniert ist das Aufhängen einer Nest-Attrappe. Ein Ort, an dem schon einmal ein Nest geglückt ist, gilt bei den Tieren als guter Platz. Als wir einmal ein Stück Holzabdeckung auf der bei Langkopfwesten beliebten Veranda ersetzen mussten, fanden wir im Hohlraum dahinter ein halbes Dutzend alte Wespennester.
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Quellen
[1] § 39 Abs. 1 Nr. 1 und 3, § 44 Abs. 1 BNatSchG. gesetze-im-internet.de
[2] Bußgeldkatalog.org. Stehen Wespen unter Naturschutz? bussgeldkatalog.org, 2025.
[3] Die Kilians. Wespen im Naturschutz. the-kilians.de, 2025.
[4] NABU Mecklenburg-Vorpommern. Wespen: kein Grund zur Panik. nabu.de
[5] NABU Niedersachsen. Wespen. niedersachsen.nabu.de
[6] NABU. Die Asiatische Hornisse in Deutschland. nabu.de, 2024.
[7] Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Asiatische Hornisse breitet sich weiter aus. Pressemitteilung, 2025.
[8] Feinschmeckerhonig.de. Die Asiatische Hornisse – eine wachsende Bedrohung für Deutschlands Bestäuber. 2025.
[9] Rentokil Deutschland. Wespen vertreiben – das hilft wirklich. rentokil.com.
[10] Gartenjournal.net. Wespen vertreiben: So wirkt Lavendel. 2024.