Räuchern ist vermutlich die älteste Apotheke der Welt. Lange bevor jemand auf die Idee kam, Wirkstoffe zu isolieren, Tabletten zu pressen und in Pappschachteln zu verpacken, haben Menschen Pflanzen verbrannt – in Höhlen, an Herdfeuern, in Tempeln, im Wald. Der Rauch vertrieb Insekten, hielt Keime in Schach, veränderte die Stimmung, markierte Übergänge. Dass die Menschheit dies auf jedem Kontinent unabhängig voneinander kultiviert hat, sagt etwas über die Zuverlässigkeit dieses Erfahrungswissens aus, das noch heute lebendige Praxis ist – auch in der Kambo-Zeremonie.
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Dieser Artikel stellt außerdem keine medizinische Empfehlung dar und dient ausschließlich deiner allgemeinen Information. Bei gesundheitlichen Beschwerden ist ein Arzt der richtige Ansprechpartner.
Von Nubien bis Nazareth
Das früheste bekannte Räuchergefäß stammt aus Qustul im heutigen Sudan und wurde auf etwa 3300 bis 3000 vor unserer Zeitrechnung datiert, älter also als die frühe Dynastienzeit Ägyptens.[1] Die alten Ägypter entwickelte daraus eine ausgefeilte Räucherkultur. Dreimal täglich wurden in Tempeln Opfer dargebracht, morgens Weihrauch, mittags Myrrhe, abends das Kyphi, eine Mischung aus Harzen, Honig, Wein und Kräutern, deren Rezeptur an Tempelwänden überliefert ist und die gleichzeitig als Medizin gegen Schlangenbisse verwendet wurde.[2] Im Alten Testament ist die genaue Zusammensetzung des heiligen Räucherwerks im Buch Exodus überliefert, und im Tempel zu Jerusalem brannte zweimal täglich ein Rauchopfer auf einem vergoldeten Akazienholzaltar.[3]
Im Neuen Testament erscheinen Weihrauch und Myrrhe gleich am Anfang: Die Weisen aus dem Morgenland bringen dem neugeborenen Christuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe, wobei der Weihrauch als Zeichen seiner Göttlichkeit gilt. Die frühe Kirche verhielt sich dem Räuchern gegenüber zunächst zurückhaltend, weil es untrennbar mit dem römischen Kaiserkult verbunden war, gegen den die Christen ihr Leben setzten. Nach der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert änderte sich das grundlegend: Das römische Staatszeremoniell wurde christianisiert, das Weihrauchfass – lateinisch Thuribulum – fand seinen Platz in der Liturgie, und um das Jahr 350 hatte Weihrauch seinen festen Platz in der Messe. In der orthodoxen Tradition gilt er bis heute als Duft des Himmels.[4]
In Zentralasien fanden Archäologen in 2500 Jahre alten Grabstätten Räucherschalen mit Cannabis-Rückständen und erhöhtem THC-Gehalt, was zeigt, dass psychoaktiv wirksame Pflanzen in Ritualkontexten gezielt ausgewählt wurden.[5] Chinesische Mönche entdeckten, dass Weihrauchstäbchen mit vorhersehbarer Gleichmäßigkeit abbrennen, und nutzten sie als Uhr.[6]Japan verfeinerte das Räuchern zur Kunstform: Kōdō, der Weg des Dufts, ist eine höfische Disziplin, in der Agarholz nicht verbrannt, sondern nur erwärmt wird und der Duft „angehört“ wird – eine Übersetzung des japanischen Begriffs kikō (聞香) – wörtlich „Duft hören und ein feststehender Fachbegriff der Disziplin: Teilnehmer benennen und beschreiben Duftnoten mit derselben Aufmerksamkeit und demselben Vokabular, das man sonst für Musik verwendet.
Was all diese Traditionen verbindet, ist weniger Mystik als Pragmatismus: Rauch verändert etwas, sichtbar und riechbar, und das menschliche Nervensystem registriert das mit großer Zuverlässigkeit. Duftstoffe werden über den Riechnerv direkt ins limbische System geleitet, in den Teil des Gehirns, der für Emotionen, Erinnerungen und Stressverarbeitung zuständig ist und der hunderte Millionen Jahre älter ist als unser denkendes Gehirn. Rauchdüfte aktivieren zusätzlich den trigeminalen Nerv, der für Temperatur- und Reizempfindungen zuständig ist.[7] Was die einen als energetische Reinigung erleben, ist neurophysiologisch eine echte Veränderung der Wahrnehmung.
Dazu kommt die antimikrobielle Wirkung, die die Wissenschaft inzwischen bestätigt hat: Nach einer Stunde Heilpflanzenrauch in einem geschlossenen Raum waren 94 Prozent der luftgetragenen Bakterien eliminiert, und der Effekt hielt bis zu 24 Stunden an.[8]
Amazonia: wenn Rauch Werkzeug ist
Im Amazonas ist Rauch Medizin in einem sehr konkreten Sinn, und die Praxis reicht weit über das Verbrennen von Kräutern hinaus. Schamanen der Shipibo-Konibo, Huni Kuin, Matis und anderen arbeiten mit Mapacho, dem Urwaldtabak Nicotiana rustica. Durch die sogenannte Soplada wird der Rauch gezielt auf Körperpartien geblasen, in Präparationen eingebracht und über Klienten gepustet. Mapacho begleitet im Amazonas fast jede Pflanzenmedizinanwendung. Der Rauch transportiert dabei Absicht. In der Kosmologie vieler Amazonasvölker ist er das Medium, über das der Heiler mit dem Geist der Pflanze kommuniziert, Diagnosen stellt und Behandlungen einleitet.
Der Nikotingehalt von Mapacho liegt rund neunmal so hoch wie der von Handelstabak.[9] Nikotin in dieser Konzentration wirkt direkt auf das autonome Nervensystem, erhöht die Herzfrequenz, verändert die Durchblutung und setzt im Gehirn Signalkaskaden in Gang, die unter anderem die Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Die Alkaloidmischung in Nicotiana rustica ist dabei eine grundlegend andere als in Kulturzigaretten: Sie enthält zusätzlich Beta-Carboline wie Harmin und Harmalin, dieselben MAO-hemmenden Verbindungen, die auch in der Ayahuasca-Liane Banisteriopsis caapi vorkommen,[10] und die erklären, warum sich Mapacho pharmakologisch nicht einfach durch eine andere Tabaksorte ersetzen lässt.
Fun Fact am Rande: Nicotiana rustica wurde seit dem Dreißigjährigen Krieg auch in Europa als Bauerntabak angebaut. [11] Dass dann irgendwann der schwächere N. tabacum die Zigarettenautomaten übernahm, hat etwas von einem stillen Qualitätsverlust, den nur die Matsés je kommentiert haben – mit dem Begriff Gringo-Tabak. Aber gut so. Mapacho sollte man sowieso nicht auf Lunge rauchen. Wenn sich Mapacho durchgesetzt hätte, wäre die Tabakpflanze bei uns wahrscheinlich längst verboten.
Palo Santo, das heilige Holz der Inka, darf in einem Artikel über das Räuchern natürlich auch nicht fehlen. Bursera graveolens wächst in den trockenen Wäldern Ecuadors, Perus und Boliviens und wird traditionell von indigenen Gemeinschaften der Andenregion für Reinigungs- und Schutzrituale verwendet. Das Holz sollte nur von natürlich abgestorbenen Bäumen geerntet werden und muss mehrere Jahre getrocknet sein, bevor es seinen charakteristischen harzigen, leicht süßlichen Duft entfaltet. Im Gegensatz zu weißem Salbei, der intensiv und klärend ist, wirkt Palo Santo wärmer und erdender. In Südamerika wird es auch bei Erkrankungen der Atemwege eingesetzt und gilt als Insektenschutzmittel.
Wie beim Salbei, zu dem wir gleich kommen, ist auch hier die steigende westliche Nachfrage ein Problem. Nachhaltiger Bezug aus fair zertifizierten Quellen ist aber möglich und lohnt sich.
Salbei: Räuchern in der Kambo-Zeremonie
In der IAKP-Praxis gehört weißer Salbei zur Zeremonie untrennbar dazu, wie sonst nur der Eimer. Salvia apiana kommt aus den trockenen Küsten- und Bergregionen Kaliforniens und des südwestlichen Nordamerika und war bei den Chumash, Cahuilla und Kumeyaay fest in Reinigungsritualen verankert. Sein Rauch ist dichter und träger, als der des heimischen Salbeis und füllt auch größere Räume zuverlässig aus.
Der Einsatz folgt einem Rhythmus: Vor der Zeremonie wird der Raum vorbereitet und geklärt, was von früheren Sitzungen oder vom Alltag noch zurückgeblieben ist. Dann ist jeder Klient einzeln dran, wenn er in den Raum kommt: Vorderseite, Rückseite, Kopf. Räuchern ist der Moment, in dem man den Alltag verlässt und den zeremoniellen Space betritt. Manches fällt dabei auf, was sich ohne den Rauch nicht offenbaren würde. Man achtet darauf, wo der Rauch besondere Kapriolen schlägt. Wo er sich sammelt. Und wo nicht.
Dass weißer Salbei heute in jedem Drogeriemarkt steht, hat allerdings einen Preis: Salvia apiana ist in seiner Heimatregion durch Überernte unter Druck geraten, und der Großteil des kommerziell verkauften Salbeis stammt aus Massenernte ohne Bezug zu den Gemeinschaften, für die die Pflanze kulturell bedeutsam ist.
Glücklich sind da die, die einen eigenen Garten haben. Ich habe auch schon oft Gartensalbei verwendet, wenn Räucherkraut für eine spontane Zeremonie gefragt war. Salvia officinalis gehört zur selben Gattung wie der Salvia apiana, ist aber eine eigene Art mit deutlich niedrigerem Gehalt an ätherischen Ölen, was den Unterschied im Rauch erklärt. Oder man räuchert heimische Kräuter, die im Wesentlichen dasselbe tun, anders riechen, aber am nächsten Feldrand wachsen.
Beifüß und andere europäische Rauchpflanzen
Artemisia vulgaris, der gemeine Beifuß, ist an Wegrändern und auf Brachflächen zu findden und generell überall dort, wo sonst nicht viel wächst. Ethnobotaniker datieren seinen Einsatz als Ritualrauchpflanze bis in die Altsteinzeit zurück.[12] Im Neunkräutersegen, einem der ältesten althochdeutschen Texte, steht er an erster Stelle: „Una heißt du, ältestes Kraut, du hast Macht für 3 und gegen 30.“ In der Volksmedizin war er vor allem Frauenkraut, zur Förderung der Menstruation, zur Einleitung der Geburt, zur Reinigung nach dem Wochenbett.
In der TCM lebt das als Moxibustion weiter: das Erwärmen von Akupunkturpunkten mit glühendem Beifüß, eine der ältesten dokumentierten medizinischen Techniken weltweit. Im Alpenraum nennt man das noch heute Rachn gehen. Studien deuten darauf hin, dass Inhaltsstoffe der Artemisia-Familie das REM-Schlafverhalten beeinflussen können, weshalb der Beifüß traditionell als Traumkraut gilt und für die Rauhnächte besonders beliebt ist.[13]
Möchtest du die heimischen Kräuter sammeln und ausprobieren? Das sind die gebräuchlichsten Rauchpflanzen aus unseren Breiten, die zumindest seit dem Mittelalter eingebürgert sind:
- Beifuß (Artemisia vulgaris) – Schutz, Träume, Übergänge; in Europa seit der Steinzeit belegt
- Wacholder (Juniperus communis) – Reinigung und Schutz; im alpenländischen Brauchtum tief verankert, antimikrobiell wirksam
- Schafgarbe (Achillea millefolium) – Luzides Träumen, Intuition, Schutz; eine der klassischen keltisch-germanischen Ritualpflanzen
- Johanniskraut (Hypericum perforatum) – Stimmungsaufhellung, Schutz vor dunklen Energien; bei Kelten und Germanen Sonnwendpflanze
- Mädesüß (Filipendula ulmaria) – Klärung, Neuanfänge; magische Heilpflanze der Kelten, enthielt als erste Quelle das später als Aspirin synthetisierte Salicin
- Quendel (Thymus serpyllum) – Wilder Thymian; Reinigung, Schutz, Kräftigung; wirklich heimisch im Unterschied zum mediterranen Thymian
- Fichtenharz – Reinigung, Schutz, Herzraum; eines der ältesten mitteleuropäischen Räuchermittel
- Lavendel – Beruhigung, Harmonie; aus dem Mittelmeerraum, seit Jahrhunderten eingebürgert
- Rosmarin – Klärung, Fokus; ebenfalls mediterran, über Alpen erst durch Klostermedizin verbreitet, nicht winterhart in Mitteleuropa
Zuhause räuchern nach der Zeremonie
Eine Kambo-Zeremonie hinterlässt Spuren im Körper, im Raum und in der Stimmung. Das Abräuchern in der Zeremonie markiert einen bewussten Anfang und ein bewusstes Ende. Das Gleiche kann man zu Hause tun, und es wirkt, weil dieselben Mechanismen greifen: Rauch verändert die Atmosphäre des Raumes und spricht über den Riechnerv direkt mit dem älteren Teil des Gehirns. Es braucht dafür kein Spezialequipment: ein Räucherbundel aus weißem Salbei, Beifuß oder Wacholder, eine feuerfeste Unterlage, eine Feder oder die eigene Hand, offene Fenster.
Das Bündel wird angezündet, die Flamme ausgeblasen und das Glimmen genutzt. Begonnen wird bei der Haustür, dann durch alle Räume im Uhrzeigersinn, Ecken und Winkel besonders. Für den eigenen Körper wird der Rauch von den Füßen nach oben geführt. Fünf Minuten reichen. Es geht um den bewussten Moment dazwischen – zwischen Zeremonie und Alltag, zwischen dem, was war, und dem, was jetzt kommt.
Der Rauch tut den Rest.
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Bevor der Blog-Artikel in Rauch aufgeht: buymeacoffee.com/kamboberlin
Quellen
[1] Qustul-Räuchergefäß: Wikipedia. Incense. https://en.wikipedia.org/wiki/Incense
[2] Ägyptisches Kyphi, Tägliche Opfer, Rezept an Tempelwänden: Manniche, L. (1999). Sacred Luxuries: Fragrance, Aromatherapy, and Cosmetics in Ancient Egypt. Cornell University Press; Plutarch, De Iside et Osiride, Kap. 80.
[3] Altes Testament, Ketoret: Exodus 30, 34–35.
[4] Christentum, Thuribulum, Konstantinische Wende: Cerqua, L. (2017). Incense. In: Encyclopedia of Ancient History. Wiley Online Library. DOI: 10.1002/9781444338386.wbeah30047; Wikipedia. Weihrauch. https://de.wikipedia.org/wiki/Weihrauch
[5] Cannabis in Grabstätten: Ren, M. et al. (2019). The origins of cannabis smoking. Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.aaw1391
[6] Kōdō, Weihrauchstab als Uhr: Bedini, S.A. (1994). The Trail of Time: Time Measurement with Incense in East Asia. Cambridge University Press; Wikipedia. Kōdō. https://de.wikipedia.org/wiki/K%C5%8Dd%C5%8D_(Duftkunst)
[7] Riechnerv, limbisches System, trigeminaler Nerv: Mohagheghzadeh, A. et al. (2006). Medicinal smokes. Journal of Ethnopharmacology, 108(2), 161–184. PMID: 17030480. DOI: 10.1016/j.jep.2006.09.005
[8] Antimikrobielle Wirkung: Nautiyal, C.S. et al. (2007). Medicinal smoke reduces airborne bacteria. Journal of Ethnopharmacology, 114(3), 446–451. PMID: 17913417. DOI: 10.1016/j.jep.2007.08.038
[9] Nikotingehalt Nicotiana rustica: Wikipedia. Nicotiana rustica. https://en.wikipedia.org/wiki/Nicotiana_rustica; Popova, V. et al. (2020). Chemical constituents in leaves and aroma products of Nicotiana rustica L. tobacco. Industrial Crops and Products, 154, 112731. DOI: 10.1016/j.indcrop.2020.112731
[10] Beta-Carboline, MAO-Hemmung: Herraiz, T., Chaparro, C. (2005). Human monoamine oxidase is inhibited by tobacco smoke: beta-carboline alkaloids act as potent and reversible inhibitors. Biochem Biophys Res Commun, 326(2), 378–86. PMID: 15582589; Begam, M. et al. (2022). Monoamine Oxidase Inhibition by Plant-Derived β-Carbolines. Frontiers in Pharmacology. DOI: 10.3389/fphar.2022.886408
[11] Nicotiana rustica in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg: Wikipedia. Bauern-Tabak. https://de.wikipedia.org/wiki/Bauern-Tabak
[12] Altsteinzeitlicher Beifuß: Müller-Ebeling, C. et al. (1998). Hexenmedizin. AT Verlag.
[13] Sedative Wirkung Artemisia-Gattung: dela Peña, I.J. et al. (2015). Artemisia capillaris Thunberg produces sedative-hypnotic effects in mice, which are probably mediated through potentiation of the GABA-A receptor. American Journal of Chinese Medicine, 43(4), 667–679. DOI: 10.1142/S0192415X1550041X