Ein Frosch geht um die Welt – Wie Kambo den Regenwald verließ

Phyllomedusa bicolor sitzt in Peru, Kolumbien, Bolivien, weiten Teilen Brasiliens in den Bäumen. Überall dort, wo der Tieflandregenwald feucht genug ist, singt er vor dem Regen. Vermutlich käme man von sich aus eher nicht auf die Idee, ihm das durch die Haut abgesonderte Sekret abzustreichen und sich damit zu behandeln. [1] Genau das ist aber irgendwann geschehen und der Rest ist sozusagen Geschichte. Wann genau diese Geschichte Ihren Anfang nahm, wurde nicht überliefert, aber in einigen anderen Punkten können wir Fakten zusammentragen.

Die ethnographisch belegten Gemeinschaften, die mit Kambo arbeiten, sind alle auf einem schmalen Streifen beheimatet. Matsés, Matis, Marubo, Amahuaca, Huni Kuin, Katukina, Yawanawá siedeln mehr oder weniger konzentriert im westbrasilianischen Acre und dem benachbarten Loreto in Peru. [2] Die meisten gehören zur Panoan-Sprachfamilie. Die Kulina, die zur Arauan-Familie gehören, lebten zumindest über Generationen in enger Nachbarschaft zu Panoan-Völkern. Jenseits dieses Streifens, in anderen Sprachräumen, in anderen Teilen des Beckens, taucht die Praxis nicht auf — obwohl der Frosch dort ebenso häufig vorkommt. Das legt nahe, dass das Wissen irgendwann an einem Ort entstand und von dort aus weiterwanderte. Wenn dich dieses spezielle Thema mehr interessiert, Stichwort: Ursprungslegende – auch dazu gibt es bereits einen Artikel auf diesem Blog. 

Tastevin, 1925: Die erste schriftliche Quelle

Die früheste schriftlich überlieferte Beobachtung stammt von Constantin Tastevin, einem französischen Missionarsgeistlichen, der 1925 bei Huni-Kuin-Gemeinschaften am oberen Juruá arbeitete. Er notierte, auf Französisch, was er sah:

Wenn ein Indigener krank wird, mager, blass und geschwollen, wenn er Pech bei der Jagd hat, liegt das daran, dass er ein schlechtes Prinzip im Körper trägt, das vertrieben werden muss — und der campon der Kaxinauá ist das Mittel dafür.“ [3]

Tastevin beschrieb den Frosch, das Verbrennen der Haut, die Übelkeit, den Schweißausbruch, die Erschöpfung danach und die Erholung, die folgte — ohne urteilenden Kommentar, was für einen Missionar seiner Zeit bemerkenswert nüchtern war.

Tastevin war der erste Außenstehende, der die Kambo-Praxis schriftlich dokumentierte — mit ziemlicher Sicherheit aber nicht der erste Mensch, der sie sah. Vorkoloniale Schriftquellen aus dem westlichen Amazonas sind allerdings extrem rar, und was es gibt, stammt fast durchgehend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, also aus einer Epoche, in der der Kautschukboom die Region bereits gründlich durcheinandergebracht hatte.

Das Juruá-Tal als Zentrum

Der obere und mittlere Juruá, heute vor allem Acre, gilt als dokumentarisches Zentrum der Kambo-Tradition – als der Ort, von dem aus die meisten belegten Überlieferungen ausgehen. Huni Kuin, Katukina und Yawanawá lebten hier in einer Dichte, die über Jahrhunderte Handelswege, Heiratsbündnisse, gelegentliche Fehden und geteilte Flüsse hervorbrachte, was seine Spuren auch im ebenfalls geteilten Wissen hinterließ. [4]

Zwischen diesen Gemeinschaften bestehen erhebliche Unterschiede in der Praxis. Die Huni Kuin nennen den Frosch kampu und verknüpfen ihn in ihrer Überlieferung mit dem nixi pëi, dem Ayahuasca-Getränk. Der kampu gilt in alten Erzählungen als dessen Wächter oder Pendant. [5] Bei den Katukina trägt ein erfahrener Mann bisweilen über hundert vernarbte Brandpunkte auf Armen und Brust, jeder ein Abdruck einer Sitzung — Kambo ist hier keine gelegentliche Reinigung, sondern ein Lebensprinzip, das mit Jagdkraft und Männlichkeit zusammenhängt. [6] Die Yawanawá betten Kambo in Zeremonialstrukturen ein, die weit über die Jagd hinausgehen.

Dass diese Unterschiede in einer geographisch kleinen Region nebeneinanderliegen, deutet auf eine lange Geschichte lokaler Ausdifferenzierung hin — Gemeinschaften, die dasselbe Grundwissen über Generationen in verschiedene Richtungen entwickelt haben.

Die Matsés und das Javari-Tal

Im Javari-Tal, an der heutigen Grenze zwischen Brasilien und Peru, lebten und leben die Matsés. Ihre Kambo-Tradition ist unabhängig von der Juruá-Linie aufgezeichnet und trägt einen eigenen Namen: acaté. Die Matsés überliefern, dass ihnen ein Volk namens Camumbos, die Jaguar-Leute, gezeigt hat, wie man das Sekret des Acaté-Frosches verwendet — eine Geschichte von der Weitergabe zwischen Völkern. [8]

Für die Matsés hing acaté lange unmittelbar an der Jagd. Männer, die wochenlang im Wald blieben, nutzten das Sekret, um Erschöpfung abzuschütteln und die Wahrnehmung zu schärfen — eine Funktion, die für mehrere Panoan-Gruppen ethnographisch beschrieben ist. [9] Peter Gorman beobachtete genau das in den 1980er Jahren, nahm Sticks mit nach New York und löste damit die westliche Entdeckungsgeschichte aus, die im Artikel Peter Gorman: Der Mann, der Kambo aus dem Wald mitbrachte nachzulesen ist.

Auch die Matis im Javari-Tal, eine andere Panoan-Gruppe mit erstem Außenkontakt erst in den 1970er Jahren, nutzten das Froschsekret rituell, eingebettet in eine Jagdkultur, die der ihrer Nachbarn strukturell verwandt ist. [10]

Der Kautschukboom und die erste Weitergabe über ethnische Grenzen

Ab dem 19. Jahrhundert riss der Kautschukboom die sozialen Strukturen des Juruá-Tals auseinander und schuf neue. Seringueiros — brasilianische Kautschukzapfer, viele von ihnen Nordosten-Migranten — verbrachten Jahrzehnte in unmittelbarer Nähe indigener Gemeinschaften, in Abhängigkeitsverhältnissen, die Ausbeutung und echten Austausch gleichzeitig hervorbrachten. In diesem Milieu lernten Seringueiros das Kambo kennen, zunächst als Mittel gegen Erschöpfung und Krankheit, ohne zeremonielle Rahmung. [11]

Die Figur, die in der Überlieferung am häufigsten auftaucht, ist Francisco Gomes Muniz aus Cruzeiro do Sul — ein Seringueiro, der jahrelang mit Katukina-Gemeinschaften lebte und die Praxis übernahm. Nach seinem Tod gründete sein Sohn Genildo 2002 die AJUREMA, die Associação Juruaense de Recursos Extrativistas e Medicina Alternativa, die zu einem frühen Knotenpunkt der städtischen Kambo-Verbreitung in Brasilien wurde. [12]

Kambo überschritt die ethnische Grenze hier nicht mit einem Ereignis, sondern durch jahrzehntelange Nachbarschaft, geteilte Armut und den langsamen Abrieb von Wissen, der in solchen Verhältnissen entsteht. Lima und Labate, die das 2008 untersuchten, nennen diesen Übergang den Wechsel von indigener zu Caboclo-Nutzung. [13]

Von Acre in die brasilianischen Großstädte

Ab Mitte der 1990er Jahre begann Kambo, aus dem Juruá-Tal in brasilianische Städte zu sickern — nicht als Bewegung, sondern als Summe von Einzelbewegungen: Seringueiros, die umzogen, Katukina-Vertreter mit Kontakten zu Therapeuten in São Paulo, Mitglieder der Ayahuasca-Glaubensgemeinschaften União do Vegetal und Santo Daime, die Kambo in breitere Praktiken einarbeiteten. [14]

Sônia Valença de Menezes, eine Therapeutin in São Paulo, war über Jahre die wichtigste nicht-indigene Vermittlerin zwischen den Katukina und dem urbanen brasilianischen Publikum — Sitzungen, Vorträge, Reisen in die Reservate. [15] Parallel dazu kehrten Gruppen, die die Praxis zwischenzeitlich aufgegeben hatten, zu ihr zurück: Die Poyanawa und Nukini, berichtete ein Nukini-Anführer Lima und Labate 2005, hätten die Behandlung mit dem Froschsekret auf Anregung der Nachbarvölker wieder aufgenommen. [16] Der städtische Boom hatte so ungeahnte Rückwirkungen auf die indigene Praxis.

2004 verbot die brasilianische Aufsichtsbehörde ANVISA die Bewerbung von Kambo mit medizinischen oder therapeutischen Versprechen — nicht die Behandlung selbst, aber ihre kommerzielle Umrahmung. [17] Kambo saß da jedoch in mehreren Großstädten bereits fest im Sattel.

Die globale Phase: Europa und Nordamerika

Ende der 2000er Jahre tauchte Kambo schließlich außerhalb Brasiliens auf, zuerst in Portugal und Spanien, dann in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien, den USA — mitgebracht von brasilianischen Migranten, von Reisenden, die im Amazonas Zeremonien erlebt hatten, und getragen vom wachsenden Interesse an indigenen Heiltraditionen in westlichen Alternativkreisen. [18]

Diese Ausbreitung hat das Verhältnis zwischen indigenen Wissensträgern und nicht-indigenen Practitionern zu einer der drängendsten Fragen im Feld gemacht. Acaté Amazon Conservation beschrieb schon 2012, wie die Nachfrage nach Kambo-Sticks zu einem erheblichen Einkommenszweig für Matsés-Gemeinschaften geworden war — und wie unkontrollierte Wildsammlung die Froschpopulation unter Druck brachte. [19] Wer das Recht hat, diese Praxis weiterzugeben, wer davon profitiert, wer die Tiere schützt — das wird weiter verhandelt und diskutiert – in der IAKP, in Practitioner-Gemeinschaften weltweit, in akademischen Publikationen. Aus Verbreitungsgeschichte wird so Ethikgeschichte. Wie das ausgeht, ist noch offen.

Falls dieser Artikel für dich nützlich war: buymeacoffee.com/kamboberlin

Quellen

[1]  Faivovich, J. et al. (2010). The phylogenetic relationships of the charismatic poster frogs, Phyllomedusinae (Anura, Hylidae). Cladistics 26, 227–261. / IUCN Red List – Phyllomedusa bicolor range map.

[2]  Nogueira, L.R. et al. (2022). The Amazonian kambô frog Phyllomedusa bicolor: Current knowledge on biology, phylogeography, toxinology, ethnopharmacology and medical aspects. Frontiers in Pharmacology 13, 997318. DOI: 10.3389/fphar.2022.997318

[3]  Tastevin, C. (1925). Le Fleuve Muru. La Géographie, 43. Zitiert nach: Lima, E.C. & Labate, B.C. (2008). Kambo: From the Forests of Acre to the Urban Centers. Erowid / UFPR.

[4]  Balée, W. (2004). Historical ecology and future explorations. In: Advances in Historical Ecology. Columbia University Press. Zitiert nach Nogueira et al. 2022.

[5]  Lagrou, E. (1991). Uma etnografia da cultura Kaxinawá. Dissertação, UFSC. Zitiert nach Nogueira et al. 2022.

[6]  Lima, E.C. & Labate, B.C. (2008), a.a.O. / Hesselink, J.M. & Winkelman, M. (2019). Kambô: A shamanic purgative practice. Journal of Psychoactive Drugs 51(4).

[7]  Erikson, P. (1994). Mayoruna. In: Santos, F. & Barclay, F. (eds.), Guía Etnográfica de la Alta Amazonía, Vol. 2. ABYA-YALA/IFEA.

[8]  Xapiri Ground / Acaté Amazon Conservation (2021). Matsés oral history of acaté, recorded by Daniel Bai. Zitiert nach kambo.berlin/der-frosch-die-legende-und-die-frage-wer-sie-zuerst-kannte/

[9]  Romanoff, S. (1984). Matsés adaptations in the Peruvian Amazon. Ph.D. dissertation, Columbia University.

[10]  Erikson, P. (1990). Les Matis d’Amazonie. Travaux de l’Institut Français d’Études Andines.

[11]  Balée 2004, a.a.O. / Lima & Labate 2008, a.a.O.

[12]  Lima, E.C. & Labate, B.C. (2008), a.a.O. / ISA-Acervo: Kambô – O Espírito do Pajé. acervo.socioambiental.org

[13]  Lima, E.C. & Labate, B.C. (2007). ‚Remédio da Ciência‘ e ‚Remédio da Alma‘. CAMPOS – Revista de Antropologia Social 8(1). DOI: 10.5380/cam.v8i1.9553

[14]  Labate, B.C. (2014). Medical Drug or Shamanic Power Plant: The Uses of Kambô in Brazil. Open Foundation.

[15]  Lima & Labate 2008, a.a.O.

[16]  Ebd.

[17]  ANVISA (2004). Resolução – Proibição de publicidade de kambô com fins terapêuticos. Agência Nacional de Vigilância Sanitária, Brasília.

[18]  Nogueira et al. 2022, a.a.O.

[19]  Acaté Amazon Conservation (2012/2024). What is Acaté? acateamazon.org/acate/

.elementor-element-8aec7d7 .elementor-heading-title { color: #efdc50 !important; }

1 Kommentar zu „Ein Frosch geht um die Welt – Wie Kambo den Regenwald verließ“

  1. Pingback: Der Frosch, die Legende und die Frage, wer sie zuerst kannte | Kambo Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen