Mitte der 1980er Jahre brannte ein Matsés-Mann namens Pablo dem amerikanischen Journalisten Peter Gorman mit einem glühenden Stock ein paar Gates auf den Arm und trug anschließend Froschsekret darauf auf. Was folgte, waren Minuten, in denen Gorman erbrach, schwitzte, unter Herzrasen litt und er, nach eigenen Worten, „hoffte und betete, er möge sterben“ [1]. Anschließend fiel er in eine tagelange Erschöpfung und wachte mit dem Gefühl auf, als seien alle Sinne neu justiert.
Gorman brachte von dieser Reise Kambo-Sticks mit nach New York. Er übergab einen davon an Charles Myers, den zuständigen Kurator am American Museum of Natural History. Myers reichte das Sekret an den Biochemiker John Daly am National Institute of Health weiter, von wo es schließlich den Pharmakologen Vittorio Erspamer in Rom erreichte [2] – und damit begann die Geschichte von Kambo, wie wir sie kennen.
Von Queens in den Urwald
Peter Gorman wuchs in den 1950er Jahren in Queens in einer großen irisch-amerikanischen Familie auf. Er besuchte das Hunter College, schloss es aber nicht ab, und schlug sich einige Jahre mit allerlei Jobs durch – unter anderem als Taxifahrer und Koch – bevor er als freiberuflicher Journalist Fuß fasste. Anfang der 1980er Jahre verliebte er sich in den Amazonas. Er traf den früheren Militärmann Moises Torres Vienna und begleitete ihn in abgelegene indigene Gemeinschaften. Über ihn lernte Gorman auch den Curandero Julio Jerena kennen, der ihn über mehr als zwanzig Jahre in Sachen Ayahuasca unterrichtete. Parallel dazu arbeitete Gorman ab 1986 bei High Times, wo er innerhalb weniger Jahre Chefredakteur wurde [3], und lebte von 1998 bis 2000 in Iquitos, von wo aus er Dschungel-Expeditionen und Ayahuasca-Zeremonien anbot.
Und er sammelte Artefakte für das American Museum of Natural History, Herpetologieproben für das FIDIA-Forschungsinstitut der Universität Rom und Heilpflanzen für Shaman Pharmaceuticals. Er hatte also Abnehmer für das, was er aus dem Urwald mitbrachte. Als er die Matsés-Artefakte dem American Museum of Natural History anbot, baten ihn Robert Carneiro, der Kurator für südamerikanische Ethnologie, und dessen Kollegin Laila Williamson, einen detaillierten Bericht zu schreiben: woher jedes Stück stammte, unter welchen Umständen er es erhalten hatte. Dieser Bericht über die Matsés-Artefakte und -Praktiken war es auch, der später über verschiedene Kanäle Aufmerksamkeit auf das Froschsekret lenkte.
Der Forscher, der Serotonin entdeckte
Vittorio Erspamer war Pharmakologe, der an den Universitäten Pavia, Bari, Parma und zuletzt Rom lehrte, zweimal für den Nobelpreis nominiert, und hatte in seiner Karriere über sechzig chemische Verbindungen identifiziert und beschrieben, darunter Serotonin. Das Froschsekret aus Peru beeindruckte ihn. Er beschrieb es als einen fantastischen chemischen Cocktail mit pharmazeutischem Potenzial, wie er bei keiner anderen bekannten Amphibie vorkomme [4]. Er meinte die Peptide – jene Ketten von Aminosäuren, die inzwischen gut erforscht sind und die das Sekret von Phyllomedusa bicolor so ungewöhnlich machen.
Erspamers Analyse war das Fundament für alles, was danach kam: die Peptidforschung, die Patentanmeldungen, die pharmakologischen Studien. Gorman wird in diesem Zusammenhang oft als der erste Nicht-Indigene erwähnt, der Sapo dokumentiert und außerhalb des Amazonas bekannt gemacht hat. Laila Williamson vom American Museum of Natural History formulierte es vorsichtig: Ob Gorman wirklich der erste Außenstehende war, der Sapo benutzt hat, wisse man nicht – aber eine frühere Dokumentation eines Außenstehenden sei nicht bekannt [5].
Entdecker oder Übermittler?
Die Matsés nutzten das Sekret des Acaté-Frosches lange bevor Gorman geboren wurde. Sie hatten es von den Camumbos gelernt, von denen wiederum niemand mehr so genau weiß, wer sie waren. Gorman hat auch nie behauptet, der Entdecker zu sein. Er war der Übermittler – der Mann, der den Bericht schrieb, der dann im richtigen Labor landete.
Diese Unterscheidung berührt eine Frage, die im Kambo-Feld bis heute nicht aufgehört hat, Reibung zu erzeugen: Wem gehört das Wissen? Die Matsés haben nie zugestimmt, dass Gorman ihren Acaté in die Welt trägt. Sie haben ihn auch nicht explizit daran gehindert – er war ihr Gast, er hat das Sekret empfangen, er hat es weitergegeben. Aber als Peptide aus dem Froschsekret später in Labors ohne Zustimmung der Matsés patentiert wurden, war das eine direkte Konsequenz aus der Kette, die Gorman mitgestartet hatte [6]. Gorman selbst hat das in späteren Jahren durchaus kritisch kommentiert und sich für ein faires Sourcing von Kambo eingesetzt.
„Sapo in My Soul“
Sein Buch Sapo in My Soul, erschienen 2015, ist halb Memoiren, halb Reisebericht, halb Gebrauchsanweisung – und laut Untertitel die Geschichte der Entdeckung der Matsés-Froschmedizin durch die westliche Welt. Es ist ein persönliches Buch, das auf Englisch geschrieben ist und auf Englisch bleibt. Eine deutsche Übersetzung gibt es bis heute nicht. Wer Gorman lesen will, muss das im Original tun, und das ist nicht das schlechteste Vorhaben, weil sein Ton das Gegenteil von dem ist, was Kambo-Literatur im westlichen Feld oft produziert. Zu lesen ist da kein Strahlen, kein spiritueller Überschwang, sondern Journalisten-Prosa, die den Frosch so beschreibt, wie er ist – intensiv, physisch, nicht für jeden, und eingebettet in eine sehr konkrete Welt, in der echte Menschen mit echten Körpern und echten Überzeugungen leben.
Bis zuletzt präsent: Gorman auf Facebook
Wer Gorman kannte, kannte ihn auch von Facebook. Er war dort bis kurz vor seinem Tod regelmäßig aktiv – und das nicht als stille Präsenz, sondern als jemand, der seinen Senf zu allen möglichen Diskussionen dazugab. Rezepte, Dschungelgeschichten, Drogenpolitik, Kambo-Fragen, Polemiken gegen Leute, die seiner Meinung nach Unsinn redeten – alles. Die Community schätzte das sehr. In einer Szene, in der viele Akteure lieber mysteriös als greifbar sind, war Gorman das Gegenteil: direkt, meinungsstark, und bereit, sich auf Diskussionen einzulassen, die er auch gewinnen wollte. Das machte ihn angreifbar, aber auch authentisch. Sein Tod hinterließ auf Facebook eine merkliche Lücke.
Gorman starb am 24. April 2022 in einem Krankenhaus südlich von Fort Worth, kurz nach seiner Rückkehr von seiner letzten Amazonas-Expedition. Er war 71 Jahre alt. Vor der Reise war er schon nicht mehr bei guter Gesundheit gewesen. Die Liste der gesundheitlichen Belastungen hatte schon eine gewisse Länge erreicht: Emphysem, schweres Rauchen, und eine Beinverletzung aus dem Jahr 2013, bei der fleischfressende Bakterien sein Bein fast zerstört hatten. Laut Berichten aus seinem Umfeld wollte er nicht zuhause verschwinden. Er wollte dem Amazonas noch einen letzten Schuss geben. Der Mann, der Malaria, einen Botfly-Befall, Schlangen- und Vampirfledermausbisse überlebt hatte, war nicht jemand, der sich in Texas zur Ruhe setzte.
Was bleibt: Neugier, Gewissen und eine Reise um die Welt
Gormans Geschichte zeigt, wie wissenschaftliche Diffusion tatsächlich funktioniert: nicht durch geplante Entdeckungen, sondern durch Neugier, Netzwerke und den Zufall, dass ein Journalist mit einem Froschsekret im Gepäck die richtigen Abnehmer fand. Was er in den Amazonas trug, war kein Forschungsauftrag – was er herausbrachte, wurde zu einem. Kambo wird heute auf jedem Kontinent angewendet, von Menschen, die sich auf eine Tradition beziehen, deren Reise in die Welt mit einem Mann begann, der nach eigenen Worten hoffte und betete zu sterben, und am nächsten Tag klarer sah als zuvor.
Was vor Gorman war – und warum die Frage, welches Volk den Frosch zuerst kannte, schwieriger zu beantworten ist als es scheint – folgt in einem eigenen Artikel.
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Quellen
[1] Peter Gorman (2015): Sapo in My Soul: The Matsés Frog Medicine. Eigenverlag. Primärquelle für Gormans eigene Darstellung der Ereignisse.
[2] / [3] HerbalGram / American Botanical Council (2023): Nachruf auf Peter Gorman (1951–2022). herbalgram.org. Biographische Fakten, Chronologie der Amazonas-Reisen, Zitate von Zeitzeugen.
[4] Vittorio Erspamer et al. (1993): “Pharmacological studies of ‘sapo’ from the frog Phyllomedusa bicolor skin”. Toxicon 31: 1099–1111.
[5] Roads & Kingdoms (2015): „Under the Texan Sun“. Porträt Peter Gormans in Iquitos, mit Zitat von Laila Williamson (American Museum of Natural History) zur Frage der Erstdokumentation.
[6a] Acaté Amazon Conservation: acateamazon.org – Intellectual Property Rights der Matsés in Bezug auf Acaté/Kambo.
[6b] Edilene Coffaci de Lima & Beatriz Caiuby Labate (2014): „Medical Drug or Shamanic Power Plant: The Uses of Kambô in Brazil“. Ponto Urbe 15. Kontext zur Diffusionsgeschichte und Patentproblematik.